Episode 19 / 1974: Feuer gegen Krone

Titel der Zeitschrift konkret im November 1971 | ullstein - Teutopress

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Terror an der Spree

Ein BMW brennt im November 1974 vor der Kongresshalle – der Wagen des Geschäftsführers der Krone-Werke geht durch einen Brandsatz der „Revolutionären Zellen“ in Flammen auf, während in der Halle eine Betriebsversammlung stattfindet. Die RZ begründen im Bekennerschreiben: Der Geschäftsführer Huber sei mitverantwortlich für die Entlassung von 700 Arbeitern, bei gleichzeitiger Umsatzsteigerung. Es wird gefordert: weniger Arbeit, mehr Lohn, 13. Monatsgehalt und multinationaler Betriebskindergarten. Das Schreiben endet auf „Ohne Chefs geht`s besser, Huber in den Zuber.“ Wären Brandsätze und Bomben nicht so todernst, die Bedrohung von Menschen ganz real, könnte man über die kraftmeierische Verseschmiederei lächeln. So aber … 1974 brennen noch andere Autos und auch Büros in Berlin und anderswo durch Anschläge der Revolutionären Zellen, die fortlaufend Erklärungen abgeben: Anschlag auf ITT-Einrichtungen wegen Beteiligung des US-Konzerns am Putsch in Chile, Anschlag auf Wagen eines Politikers wegen Abriss eines Jugendzentrums, Anschlag auf El-Al wegen Zionismus` und so weiter. Es geht, folgt man den Bekennerschreiben, um einen bewaffneten Kampf, der nicht nur in Chile und Palästina notwendig sei, gegen die „Vernichtungsmaschinerie des Kapitals überall“.

Die Revolutionären Zellen und ihre Frauenabteilung „Rote Zora“ agieren seit Anfang der 70er-Jahre als „Feierabendterroristen“ – wie auch das NRW-Innenministerium sie nennt. Denn anders als die beiden anderen „Stadtguerillas“ Rote Armee Fraktion und die Gruppe, die sich in Erinnerung an die Erschießung Benno Ohnesorgs „Bewegung 2. Juni“ nennt, gehen die RZ nicht ganz in den Untergrund, sondern behalten ein normales Leben bei. Die Mittel und Resultate sind aber bei allen Organisationen ähnlich. Je nach Zählung zwischen 186 und 296 Anschläge gehen auf das Konto der RZ, Brandsätze, Knieschussattentate, tödliche Schüsse. Die „Bewegung 2. Juni“ bringt nur kurz vor dem Brandanschlag an der Kongresshalle – ebenfalls in Berlin - den Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann um. Das einen Tag, nachdem das inhaftierte RAF-Mitglied Holger Meins an Entkräftung durch seinen Hungerstreik zugrunde gegangen ist. Es wird getötet und gestorben in Deutschland, im Namen eines Kampfes gegen „Faschismus und bürgerliche Gewalt“.

RAF, RZ, „2. Juni“ sind am Abend der Studentenbewegung entstanden. Mittendrin, genau im Jahr 1968 wurde - damals wahrscheinlich nicht so sehr vermerkt - eine andere Organisation gegründet, die im Oktober 1974 zu einer ihrer Jahrestagungen in der Kongresshalle zusammenkommt. Der „Club of Rome“ spricht auch eine ganz andere Sprache als die der Klassenkämpfer, appelliert in seiner Gründungsdeklaration an „verantwortungsvolle Bürger“, die in der kommenden Informationsgesellschaft globalen Risiken entgegentreten und „humanere Gesellschaften mit einer nachhaltigeren Entwicklung, mehr Gleichheit und größerer Friedfertigkeit“ aufbauen sollen. In diesem Verein von maximal 100 Mitgliedern – aktive Politiker ausgeschlossen - organisieren sich im Lauf seiner Geschichte so illustre Persönlichkeiten wie König Juan Carlos I von Spanien, Vaclav Havel, Michail Gorbatschow. Beim Jahrestreffen in der Halle sind Prinzessin Beatrix und Prinz Claus der Niederlande dabei. Zwei Jahre zuvor hatte der Club of Rome-Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ Schlagzeilen gemacht. Angesichts durchaus endlicher Energiequellen und Wasservorräte wurde darin ein Umdenken gefordert – und wie die nächsten Jahre zeigen sollten, auch wirklich gefördert. Im Jahresbericht 74 „Menschheit am Wendepunkt“ geht es um weltweite Armut und Ungleichheit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Gegen die sollen auf die einzelnen Weltregionen abgestimmte und langfristig wirksame Planungsinstrumente helfen. Von möglichen Interessengegensätzen ist da nicht die Rede …

Umso mehr und in einer heute im Vergleich mit den Club of Rome-Verlautbarungen veraltet wirkenden Sprache werden die auf einer Tagung des Zentralausschusses des Weltkirchenrats in der Kongresshalle betont. Da entfalten Demonstranten auf der Bühne des Auditoriums Transparente mit der Aufschrift „In der BRD werden politische Gefangene gefoltert!“ Gemeint sind die inhaftierten Mitglieder von RAF und „2. Juni“, die - so der Vorwurf – mit Isolationshaft gequält würden.
A.B.

In der nächsten Woche lesen wir fremde Post, und das auf der Rückseite der Kongresshalle, Episode 20: 1975

Die Früchte des Zorns / Anschlagserklärung lt. www.freilassung.de
www.im.nrw.de
Revolutionärer Zorn Nr. 2 lt. www.freilassung.de
www.clubofrome.org
Der Tagesspiegel 15.10.1974
Die Welt, 26.10.1974
Die Kirche, 18.8.1974