Episode 26 / 1981: Neuer Anfang oder Wundenpflege?

Gerd Neumann |

Gerd Neumann | "Kongresshalle als Denkmal einer Ära - (als Denkmal an den Vorposten, die Frontstadt, die Insel West-Berlin). Zum besseren Verständnis: Das "Denkmal" aus der Vogelschau" (Aquarell, 44 x 58 cm) | Mit freundlicher Genehmigung Galerie AEDES

Die Wiederaufbau-Kontroverse um die Kongresshalle

Nur wenige Stunden nach dem Einsturz im Mai 1980 hatte die Debatte über Für und Wider eines Wiederaufbaus der Kongresshalle begonnen, eine Debatte, die noch Jahre andauern sollte. Die Frontstellung: Hie diejenigen, die den Wiederaufbau eines „Symbols der deutsch-amerikanischen Freundschaft“ für unabdingbar halten. Sie bekommen indirekte Unterstützung von der SED, als deren Parteizeitungen davon schreiben, der Einsturz könne für das Leben in West-Berlin nicht von Schaden sein“, und „Auch das Ende eines Symbols hat manchmal symbolischen Wert.“ Das ist eine echte Verstärkung der großen Koalition der „Symboliker“; wie sie der FDP-Abgeordnete Hucklenbroich nennt, der gegen eine „potemkinsche Kongresshalle“ Stellung nimmt. Er steht auf der anderen Seite der Barrikade, bei denen, die aus Kostengründen, Bedenken zur technischen Machbarkeit, Aversionen gegen eine Sonderbeziehung mit den USA, Ablehnung der Nachkriegsmoderne und der Symbolarchitektur von Hugh Stubbins oder aus einer Mischung einiger dieser Motive gegen ein Revival der Halle sind.

Intelligent interveniert da um die Jahreswende 1980/81 die frisch gegründete Berliner Galerie Aedes (lateinisch für Haus, Zimmer, Kammer). Sie lädt Architekten und Künstlern zu „realistischen Phantasien über die Zukunft unserer Ruine“ und präsentiert sie in einer Ausstellung „In memoriam Kongresshalle“. So auch einen langen Text vom Wiener Maler Friedensreich Hundertwasser: „Das teilweise Zusammenfallen der Kongresshalle und die dadurch entstandene gottgewollte Formenwelt ist ein Geschenk, das wir mit Dankbarkeit entgegennehmen. … die erste mit viel Liebe konservierte Ruine der bankrotten rationellen Architektur.“ Er fordert: “Die Konstruktion muß verstärkt werden durch schöne Säulen, damit sie stark genug ist, um oben auf dem Dach einen wild wachsenden Wald zu tragen, so wie in der freien Natur.“ Die Links-Grünen der Alternativen Liste werden sich diese Forderung zu Eigen machen. Der Mitbegründer der Berliner Malschule der Neuen Prächtigkeit Matthias Koeppel beschreibt seine in den Farben der amerikanischen Flagge gehaltene Skizze: „Das Dach wird als Stahlkonstruktion mit gespannten Stahlseilen wiederaufgebaut. … bei Bedarf mittels großer Planen teilweise oder ganz zum Zelt verwandelt. … Im Vordergrund das letzte Stück des heruntergebrochenen Betonbodens als Monument der Vergänglichkeit.“ Mehrere Entwürfe versuchen, die Dachkrempenform zu bewahren und aus Stahl, Luftschläuchen, Röhren, Beton, Drahtgeflecht nachzubilden oder die Saalkontur mit Pappeln oder Fontänen zu umreißen. Grabmale werden vorgeschlagen: ein grüner Hügel über der Plattform, der die geborstene Halle bedeckt, oder Efeu, der darüber sich rankt. Denkmale, Kunstruinen und Resterecycling, der Londoner Architekt Cedric Price will: „… open-air-Sitzgelegenheiten: Bänke mit installierten Lautsprechern zur Übertragung deutscher und amerikanischer Musik.“ Natürlich wird immer wieder auf die Anfänge rekurriert, auf transatlantische Beziehungen und die Idee hinter dem Bau. Der New Yorker Architekt Michael McDonough schlägt vor: „Errichtung von 152 zwei mal zwei Meter großen farbigen Video-Bildschirmen an der Außenseite. … Leitthema soll die Freiheit der Meinungsäußerung sein, sichtbar für den östlichen Teil der Stadt.“ Andere machen es sich einfacher, Günter Plessow, Architekt, Berlin: „Herr Christo kommt mit Packpapier“, oder prägen neue Spitznamen, so Tomas Schmit, Künstler, ebenfalls aus Berlin: „KingKongresshalle“. Der Architekt Gerd Neumann schreibt dagegen ein zwei Meter langes Manuskript: „An der Kongreßhalle kann man nur noch das Falsche tun … das Symbol ist nur noch das Symbol des Symbols“. Dennoch will er das „Denkmal einer Ära“ erhalten.

Wie aber sollte das finanziert werden? Das CDU-Organ „Berliner Rundschau“ ruft gar zu einer Spendenaktion aller westdeutschen Gemeinden auf. Aber so einfach wird das nicht gehen, da ist denn doch der Berliner Senat gefordert, für Konzeption und Finanzen zu sorgen, und genau das tritt die nächste Debatte los …
A.B.

In der nächsten Woche geht es um kombinierte Museums-Festivalhaus-Parlaments-Filmzentrums-Ideen für die Kongresshallen-Ruine, 1982 .

Der Tagesspiegel, 23.5.1980
Berliner Morgenpost, 23.5.1980
Düsseldorfer Nachrichten, 4.6.1980
Der Tagesspiegel, 16.4.1981
„In memoriam Kongresshalle Berlin“, Katalog der Ausstellung vom 6.11.1980 – 17.1.1981, Aedes Galerie für Architektur und Raum
Der Tagesspiegel, 5.11.1981
SFB, Sendereihe Stadtgespräch, 2.11.1981, Manuskript Robert Frank, Typoskript
ZEITmagazin, 10.3.1981