Episode 32 / 1987: Zum Geburtstag: die wiedereröffnete Kongresshalle

Das West-Berliner Festprogramm zur 750-Jahr-Feier | (c) Lese- und Programmbuch zum Stadtjubiläum, Hg. Ulrich Eckhardt im Auftrag des Senats von Berlin

Das West-Berliner Festprogramm zur 750-Jahr-Feier | (c) Lese- und Programmbuch zum Stadtjubiläum, Hg. Ulrich Eckhardt im Auftrag des Senats von Berlin

Das doppelte Berlin auf dem Weg zu mehr Gelassenheit

1987 wird die Stadt Berlin 750 Jahre alt. Der Geburtstagstrubel führt zu Entspannung im Ostwestkonflikt – zu Beginn sieht das allerdings noch nicht so aus. 750 Jahre und kein bisschen weise? Ein eigener Jubiläums-Staatsakt für Ost-Berlin, ein eigener Jubiläums-Staatsakt für West-Berlin. Feierlich werden die Einladungen an die jeweilig anderen Stadthälftenvertreter überreicht und etwas weniger stilvoll wieder storniert, zurückgezogen. Als Reaktion auf einen Brief Diepgens, der den Länderministerpräsidenten von der Teilnahme an DDR-Staatsakten abrät, sagt Honecker seinen Besuch in West-Berlin ab. In der Eröffnungsrede zur Feier in West-Berlin spricht Diepgen DDR-kritisch, woraufhin das Ost-Berliner Außenministerium verlauten lässt, dass seine Teilnahme am dortigen offiziellen Staatsakt „nicht vorstellbar ist“. Zwar verbringen Ende Februar die Oberbürgermeister Krack und Diepgen den Auftakt zu den Feierlichkeiten im Osten in derselben Kirche, immerhin, aber dennoch „räumlich weit voneinander entfernt“.

Pünktlich aber zum Stadtjubiläum findet am 9. Mai die Wiedereröffnung der Kongresshalle statt, mit US-Besuch: natürlich auch Eleanor Dulles und Architekt Hugh Stubbins. Der ist sehr zufrieden, denn das Dach hängt jetzt so zwischen den beiden Bögen wie „bei der ursprünglichen Gestaltung beabsichtigt“. Eine Bronzetafel wird aufgestellt mit Widmung: schöne Grüße auch vom US-Kongress. Und zwei weitere Geschenke gibt es: den Glockenturm neben der Halle, eine 42 m große Spende von DaimlerChrysler, das größte Carillon Europas, zweimal täglich erklingt das Spiel der 68 Glocken. Und auch der Große Schmetterling der Henry Moore-Skulptur wird enthüllt - mitten im Spiegelteich vor der Kongresshalle.

Mitte Juni beginnt dann die erste Veranstaltung in dem neuen alten Stubbins-Bau: die Ausstellung „Wissenschaften in Berlin“. Nachdem die Diskussionen zum Äußeren der Kongresshalle mit Abschluss der Bauarbeiten beendet sind, geht natürlich die Diskussion um das Innere los. Der Tagesspiegel ist mehr als skeptisch - „im Grunde denkbar ungeeignet“ sei das Gebäude für Ausstellungen - und beschreibt, wie Handwerker in letzter Minute eilig zusammennageln, was abtrennende Wände und das Auditorium ergeben soll.

„Wissenschaften in Berlin“ im Westen, die Ausstellung „Wissenschaft und Produktion im Dienste des Volkes in der DDR“ im Osten. Eine Berliner Doppelung, eine von vielen, es werden schließlich auch fast dieselben 750 Jahre gefeiert, minus rund fünfundzwanzig separate. Weitere Feierlichkeiten: Kostümfestumzüge, Aktionen auf der Spree, Theater, Filme, Kulturereignisse, mit denen West-Berlin und Ost-Berlin ihre je eigene Interpretation der Stadt verkünden.

Mitte Juni besucht Ronald Reagan aus gegebenem Anlass Berlin – und kommt im Gegensatz zu anderen Präsidenten nicht in die Kongresshalle. Reagan hält seine Rede unter großem Polizeischutz vor dem Brandenburger Tor: „Mr Gorbatshev, tear down this wall“. Einige Tage zuvor findet vor dem Reichstag ein Rockkonzert statt, 3000 Ost-Rockfans finden sich auf der anderen Seite dieser Mauer ein, um herüberwehende Klänge abzufangen. Die Volkspolizei greift ein, Ausschreitungen, Festnahmen und so weiter.

Etwa zur selben Zeit ist in Kreuzberg die Ankündigung des Ronald Reagan-Besuchs Auslöser für zahlreiche Demonstrationen gegen die US-amerikanische Rüstungspolitik. Die Versammlungen werden von der Polizei strikt verboten, so kommt es auch in West-Berlin zu Auseinandersetzungen. So schweren, dass dem Senat klamm ums Herz wird, seine Lösung: Kreuzberg abriegeln, U-Bahn einstellen. Reagan spricht unbehelligt. Die Kreuzberger haben allerdings keine Lust mehr zu jubilieren und sagen ihr Stadtteilfest ab.

In der zweiten Jahreshälfte entspannen sich Berliner und transatlantische Nervenstränge. Anfang Juli macht BRD-Staatspräsident Richard von Weizsäcker einen Staatsbesuch in der Sowjetunion und im September reist Honecker zum ersten Mal nach Westdeutschland, wo er in allen Ehren empfangen wird. Dann, beim Ausklang der Geburtstagsfeier am 23. Oktober in der Marienkirche, schütteln sich die beiden Bürgermeister Krack und Diepgen lächelnd die Hand – was acht Monate zuvor undenkbar war, bezeichnet nun der eine als „ganz normalen Vorgang“, der andere etwas zurückhaltender als „ein Stückchen Selbstverständlichkeit, nicht mehr und nicht weniger“.
M.S.

In der nächsten Folge: Haus für die Welt und Berlin für Europa, Episode 33: 1988 .

Der Tagesspiegel, 7.5.1987
Hugh Stubbins, „Die architektonische Konzeption“ in: Berlin Baut 2 – Die Kongreßhalle, 1987, S. 55
Der Tagesspiegel, 14.6.1987
Der Tagesspiegel, 23.10.1987
„750 Jahre Berlin – Stadt der Gegenwart“, Hrsg. Ulrich Eckhardt, Ullstein Frankfurt am Main/Berlin, 1986
„750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest“, Hrsg. Komitee der Deutschen Demokratischen Republik zum 750-jährigen Bestehen von Berlin, VEB Tourist Verlag Berlin/Leipzig, 1986