Episode 38 / 1993: China Avantgarde!

Fang Lijun | Friends | (c) Fang Lijun

Fang Lijun | Friends | (c) Fang Lijun

Eine Ausstellung, die Macht und der Markt

Es wird berichtet, dass in Regalen mancher Wohnungen und Ateliers von Künstlern in China noch heute sein Bild steht: das Foto des früh verstorbenen Kurators Hans van Dijk. Zwei Kunstereignisse des Jahrs 1993 sind mit dem Belgier verbunden: Gemeinsam mit Ai Weiwei, der 2007 auf der Documenta 12 mit einem „sozio-politischen Readymade“ vertreten ist – er bringt 1001 Chinesen als repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung der Volksrepublik nach Kassel – gründet van Dijk in Beijing „China Art Archives and Warehouses“ und öffnet damit eine Tür zum internationalen Kunstverkehr. Und im Haus der Kulturen der Welt beginnt im Januar „China Avantgarde“, die wohl erste große Ausstellung unabhängiger chinesischer Gegenwartskunst in Europa, von van Dijk mitkuratiert. Die chinesischen Behörden hatten in den Monaten zuvor eine Politik des „aktiven Wegsehens“ praktiziert, denn hätte man hingesehen, hätte man einschreiten müssen … so aber war eine breite nicht-offizielle Szene vertreten, unverfälscht, unzensiert, gemeinsam mit Werken von Exilanten, eine Sensation. Der Titel der Ausstellung ist allerdings nicht neu erfunden, wurde inspiriert von dem einer Präsentation im Februar 1989 in der Nationalgalerie in Beijing. Zu sehen waren da Fotos und Installationen von Aktionen der Gruppe „Xiamen-Dada“ neben Experimenten mit traditionellen Techniken, daneben riesige Fotomontagen mit den Haken-Zeichen, die in China für vollstreckte Todesurteile stehen, und Exponate der „rationalen, religiösen und metaphysischen Kunst“. In dieser auf zwei Wochen angesetzten Ausstellung gab es die Freiheit der Kunst – bis auf „nur“ zwei Polizeieinsätze bei Performances. „China/Avant-Garde“ hieß die Präsentation und machte mit Plakaten auf sich aufmerksam, die das „Wenden verboten“-Verkehrsschild zeigten. Auch unter diesem Banner wurde dann bei den Manifestationen zum und am Platz des Himmlischen Friedens demonstriert. Man weiß, was dann kam, natürlich war auch eine Wende in die Vergangenheit möglich, der Tienanmen wurde am 4. Juni von Soldaten umstellt, das Licht ausgeschaltet, dann wurden tausende mit Schnellfeuergewehren niedergemäht. Über 200 Demonstrationen sitzen heute noch im Gefängnis.

1993 also die Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt – mit einer Vielzahl von Werken, die sich ironisch offen oder versteckt mit Mao auseinandersetzen und gleichzeitig mit der Warengesellschaft, die nun in China Einzug gehalten hatte. Die die Atmosphäre der anonymen Marktmächte ausdrücken, die nun im Osten wie im Westen wirken, und die Ohnmacht der Individuen in diesen geordneten Chaos-Strukturen. Alle funktionieren, blenden alltägliche Gewalt aus, Medien berieseln. Den Katalog schmückt eine Arbeit, die eine kulturrevolutonäre Arbeiter- und Bauernfaust auf das Marlboro-Signet treffen lässt. Wie im Haus üblich, wurde die Ausstellung von Musik, Literatur, Film, Diskussionen begleitet. So gab es auch ein überfülltes Konzert von Cui Jian, des ersten Rockmusikers der VR, der Auftritte in Sportstadien durchsetzen konnte, vor Zehntausenden von Fans. Bei seinen Songs trägt er manches Mal eine rote Augenbinde …

Apropos Marktmechanismen: 1993 ist das erste Jahr, in dem die vom 14. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas beschlossenen Reformen für eine weitere Wirtschaftsliberalisierung umgesetzt werden. Und noch einmal Markt: Bei der „China Avantgarde“-Ausstellung im Haus machen die Gesichter von Fang Lijun, der auch bei „China/Avant-Garde“ in Beijing mitgemacht hatte, besonders Furore. Eines seiner Gemälde wird 1993 von einem Sammler für 12.000 Dollar erworben. Nur 12 Jahre später erzielt ein gleich großes Werk von Fang bei Sotheby´s Hong Kong einen Preis von 180.000 Dollar.
A.B.

In der nächsten Woche geht es um die Welt in nur 12 Monaten oder um die Folgen des Gleichheitsprinzips, Episode 39: 1994 .

Welt-Online, 31.12.2005
www.chinesische-gegenwartskunst.de

Die Konzeption der Ausstellung stammte von Hans von Dijk, Andreas Schmidt, Jochen Noth