Episode 41 / 1996: Das Jahr, in dem Mandela kam

(c) William Strauch / Haus der Kulturen der Welt

(c) William Strauch / Haus der Kulturen der Welt

Der Präsident der "Rainbow Nation" in Berlin

Das Silber-Ufo war im Jahr zuvor gelandet. Mit Christos Reichstagsverhüllung hatte sich 1995 eine fast heilige Stimmung über die Wiesen und Parkanlagen ausgebreitet. Ab jetzt waren Wunder wieder vorstellbar. Und tatsächlich: Zur selben Zeit berichtete Lorna Ferguson aus Südafrika im Haus der Kulturen der Welt von der ersten Biennale von Johannesburg, die das Ende der Apartheid mit über 500 Künstlern aus aller Welt gefeiert hatte.

Das emphatisch zelebrierte Ende des jahrelangen Kulturboykotts öffnete die Türen für einen Kulturaustausch, nicht nur mit den scharenweise eintreffenden Künstlern und Kuratoren aus der westlichen Welt - es bereitete auch den Boden für einen kommenden Süd-Süd-Dialog. Als Resultat dieser Begegnungen mit der lange Jahre abgeschotteten südafrikanischen Kulturszene richtete das Haus 1996 die allererste internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst der "Rainbow Nation" aus. Unter dem Titel "Colours" wurden Werke von 36 Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Manieren präsentiert. Neben den elaborierten Videoanimationen von William Kentridge standen die knallbunten Trash-Assemblagen von Willie Bester in der Tradition der Township-Kunst. Sakrale Holzskulpturen von Künstlern aus dem ehemaligen Homeland Venda prallten auf konzeptionelle Arbeiten zur gebrochenen Identität urbaner weißer Südafrikaner. Das im Haus der Kulturen der Welt in den folgenden Jahren bis zur Phrase verschlissene Diktum von "Tradition und Moderne" präsentierte sich in der Ausstellung "Colours" als ein disparates "Nichts passt hier zusammen". Das Land, das für seine "Wahrheits- und Versöhnungskommission" berühmt werden sollte, zeigte sich in der kreativen Vielfalt seiner Gegensätze. Während Kendell Geers eine irritierende Statistik der beteiligten Künstler aufstellte, sie als Schwarz und Weiß, Männer - Frauen , Schwule - Hetereosexuelle auflistete, suchte Pat Mautloa auf den Brachen und Baustellen in Mitte nach Holzplanken und rostigen Metallblechen, aus denen er ein Shack in die Ausstellungshalle zusammenzimmerte. Am Abend vor der Ausstellungseröffnung wurde die Hütte dann standesgemäß mit einem Kasten Bier eingeweiht. Der jüngste der eingeladenen Künstler, Moshekwa Langa, der vor seinem Berlinbesuch noch nie zuvor in einem Flugzeug gesessen hatte, friemelte seine imaginären Landkarten-Tableaus zusammen und ging gelegentlich im Berliner Nachtleben verschollen. Der vegetarische Zulu Kay Hassan collagierte ein riesiges Wandbild aus abgerissenen Posterwandfetzen und turtelte heftig mit Mitarbeiterinnen des Hauses . Die als Eröffnungsrednerin eingeladene Johannesburger Kuratorin Bongi Dhlomo kostümierte sich zum Schreck der Verantwortlichen in der Kaffeeküche mit glänzender Plastikfolie und Folklorefummel zur Ethnoqueen.

Und dann kam Nelson Mandela. Als wäre er soeben einer Wolke entstiegen, war er plötzlich da, schritt über die Freitreppe und dann durchs Foyer wie ein Heiliger, vor dem sich die Wasser teilen und die Gräser verneigen. Selbst wer den Glauben an die Aura des Kunstwerks längst verloren hatte, erlag der leibhaftigen Aura dieses Mannes, der sich auch schon mal in die Township-Hütte in der Ausstellungshalle setzte. Während seiner kurzen Ansprache kamen bei den Gästen im vollbesetzten Auditorium erst verstohlen, dann zusehends unvermeidbar Taschentücher zum Einsatz. Als Nelson Mandela völlig unprotokollarisch ein paar lockere Tanzschritte machte - der Präsident, der 27 Jahre im Gefängnis verbracht hatte und nun gerade einmal seit sechs Jahren in Freiheit war - flossen die Tränen auch bei den letzten Zynikern und Intellektuellen ungehemmt.

Übrigens: So gut wie keiner der eingeladenen Künstler trat den für ihn gebuchten Rückflug nach Südafrika an. London, Amsterdam, Zürich, Paris hießen die nächsten Stationen auf deren langen Umwegen in die Freiheit.
Sabine Vogel

Sabine Vogel arbeitete als freie Journalisitin und Kuratorin, bevor sie von 1997 - 2000 als Programmkoordinatorin im Ausstellungsbereich des Hauses der Kulturen der Welt tätig war. Seitdem ist sie Literaturredakteurin bei der Berliner Zeitung.

In der nächsten Episode lesen Sie zu Gropiusbau vs. Haus der Kulturen der Welt im Kampf der Modernen, in Episode 42, 1997 .