Episode 44 / 1999: Alexander von Humboldt als Netzwerker

Mexikanische Landschaft (mit den Vulkanen Popocatépetl und Iztaccihuatl) | ausgestellt bei

Mexikanische Landschaft (mit den Vulkanen Popocatépetl und Iztaccihuatl) | ausgestellt bei "Alexander von Humboldt - Netzwerke des Wissens" (5.6.-15.8.1999) | (c) Kunsthalle zu Kiel

Am Chimborazo, auf dem Orinoco, in die Moderne

Schon die Ausstellung „Palast der Götter“ hatte 1991 die tausende Jahre alten Buddhastatuen rund um einen künstlichen Teich im Halbdunkeln präsentiert und „Inka - Peru“ 1992 die Goldmasken unter noch älteren aus Stein gehauenen mächtigen Türstürzen. Das waren vielbesuchte, aber von der Zeitgenossenschaft weit entfernte „Feinschmeckerausstellungen“ des Hauses gewesen, zum Beweis der Hochkulturen in der „Dritten Welt“: Die Ausstellung „Alexander von Humboldt – Netzwerke des Wissens“, die das Haus 1999 in Kooperation mit den Goethe-Instituten veranstaltet, bietet noch einmal einen besonderen Parcours. Ein Labyrinth gibt vor, man könne hier in Humboldts Welt eintauchen. Unter einem Glasfußboden ausgebreitet eine Reliefkarte, dazu einladend, die amerikanische Reiseroute Humboldts von vor 200 Jahren selbst abzuschreiten. Nachbildungen seiner Messinstrumente gibt es für den Besucher zum Ausprobieren. Oberhalb einer Zeichnung Humboldts von Pirañas schwimmen gleich mehrere lebendige Exemplare im Aquarium. Federhauben, Schmuck und Waffen von Urwaldindios sind genauso da wie zarte Zeichnungen von Vulkanquerschnitten oder altindianischer Kunst von der Hand des Forschungsreisenden, immer bis auf den letzten freien Fleck Papier von Messzahlenkolonnen und Beschreibungen eingerahmt. Inszenierung, aber hier dient sie dem Beweis einer These: Alexander von Humboldt als Vordenker der Moderne, als Initiator von wissenschaftlichen Netzwerken – das Netzwerk als nicht-hierarchische Form der Zusammenarbeit ist 1999, als das Haus 10jähriges Bestehen feiert, ein populärer Begriff. Und als Entdecker und Philanthrop, der fremden Kulturen ohne koloniale Arroganz begegnete, genießt der Adelige aus dem Berliner Norden in Latein- und Südamerika jedenfalls bis heute hohes Ansehen.

1799 hatte er in der spanischen Hafenstadt La Coruña seine Expedition gestartet und war über Teneriffa nach Cumaná/Venezuela gereist, über den Orinoco-Strom und am Chimborazo-Vulkan vorbei. Der Universalgelehrte erforschte Kultur und Geschichte der indianischen Bevölkerung, studierte die Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt, die Geografie und Archäologie des Subkontinents. Höhe und Luftdruck, Magnetismus, Feuchtigkeit, Temperatur, ja selbst die Bläue des Himmels hielt er fest. „Alles ist Wechselwirkung“, schrieb er, und: „Mein eigentlicher, einziger Zweck ist es, das Zusammen- und Ineinander-Weben aller Naturkräfte zu untersuchen“. Humboldt wollte die zahllosen Einzelerkenntnisse in ein Ganzheitsschema integrieren. Die Erkenntnisse, die er vor Ort von den Einheimischen aufnahm, waren ihm gleich wichtig wie seine Selbstbeobachteten. Zugleich korrespondierte er mit der ganzen wissenschaftlichen, künstlerischen und politischen Welt von damals. Von Goethe bis Georg Forster, von Napoleon bis zum südamerikanischen Freiheitshelden Simon Bólivar reichten seine Kommunikationsnetze.

Fast wäre 1796 jedoch schon alles aus gewesen. Licht ins tiefste Dunkel der Stollen hatte Humboldt bringen wollen und konstruierte eine Grubenlampe, die selbst bei wenig Sauerstoff weiterbrennen sollte. Die Lampe brannte denn auch tatsächlich noch, als der Forscher selbst ohnmächtig aus seinem lebensgefährlichen Experiment gerettet wurde. 1999 steht diese Grubenlampe in der opulenten Schau im Haus der Kulturen der Welt.

Eine andere Ausstellung in diesem Jahr nimmt kein Jubiläum zum Ausgangspunkt, obwohl eine solche Datierung möglich wäre: „Gap Viêt Nam“, auf Deutsch „Begegnung Vietnam“, zeigt Environments, Assemblagen, Gemälde, Fotografien und Graffiti von 16 vietnamesischen Künstlern 30 Jahre nach Ende der „antiautoritären“ Studentenrevolte. Für die wie für ihre „autoritären“ Nachfolger war der antiimperialistische Krieg in Vietnam ja wichtiger Motor der Bewegung gewesen. Fast alle Künstler der Ausstellung wurden 1970, also ein Jahr nach Ende der deutschen Studentenbewegung geboren. In ihren raumgreifenden Arrangements spiegeln sich Erinnerungen ihrer Kindheit, die sie teils im kriegsgebeutelten Heimatland, teils in der Diaspora verbrachten. Es wird aber auch subtile Kritik an den sozialen Problemen und der Kulturpolitik Vietnams geübt, wo die KP seit 1986 eine Politik der wirtschaftlichen Öffnung verfolgt, „Doi Moi“ genannt. Die Künstler wollen aber auch eine kulturelle Öffnung, wollen auch die aktive Auseinandersetzung mit westlicher Kunst. In diesem Sinne persiflieren die großformatigen Wandarbeiten des Künstlers Truong Tan die kulturellen Schranken: „listen rock music – but don´t dance“ und noch ein bisschen radikaler: „drink water – but don´t piss“. Das erklärt, warum die Ausstellung nicht durch den Import fertiger Kunstprodukte, sondern in einmonatiger Entwicklung im Haus der Kulturen der Welt selbst zustande gekommen ist.
Dominique Landolt / A.B.

In der nächsten Episode sehen wir, wie das Haus von einer fremden Künstlergruppe übernommen wird, Black Box Hong Kong 2000, in Episode 45 .

Der Tagesspiegel, 6.6.1999
Frankfurter Allgemeine, 7.6.1999
Frankfurter Rundschau, 7.6.1999
die tageszeitung, 7.6.1999
Süddeutsche Zeitung, 19.6.1999
Frankfurter Allgemeine, 29.3.1999
die tageszeitung, 12.5.1999
Süddeutsche Zeitung, 3.8.1996
Pacific News, 19.12.2002
http://www.uni-potsdam.de/u/romanistik/humboldt/hin/faak-hin2.htm