Episode 46 / 2001: Schwierigkeiten der Übersetzung

Die Umkehrung der Farben | Aus der Ausstellung

Die Umkehrung der Farben | Aus der Ausstellung "The Short Century"

Okwui Enwezor, Yu Yeon Kim - die Ausstellungsautoren im Anflug

"Es ist falsch, nur nach dem Blick der Europäer auf fremde Kulturen zu fragen, und nicht danach, wie die zurückblickten", gibt Okwui Enwezor seiner Ausstellung "The Short Century" als Motto mit auf den Weg. Das "kurze Jahrhundert", das da im Auftrag des Hauses der Kulturen der Welt im Gropiusbau präsentiert wird, ist das der "Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen in Afrika 1945 - 1994", so der Untertitel der Schau. 1945 war das Jahr, in dem der Panafrikanische Kongress in Manchester einen einigen selbstständigen Kontinent forderte - und 1994 das, in dem durch die ersten freien Wahlen in Südafrika das Regime der Apartheid fiel. Dazwischen lag das "Afrikanische Jahr" der UNO 1960, in dem allein 17 unabhängige afrikanische Staaten entstanden. Der designierte Leiter der documenta 11 zeigt in einer verschachtelten visuellen Sprache fast übervoller Räume: Schriften von Ghanas erstem Präsidenten Kwame Nkrumah als Zentralfigur des anglophonen Panafrikanismus und von Leopold Senghor, Dichter, senegalesisches Staatsoberhaupt und Künder der in den 30er Jahren in Paris entstandenen "Négritude"-Bewegung. Werke von Malern und Bildhauern, sowohl von denen, die an den Avantgarde-Zirkeln der europäischen Metropolen der 40-Jahre beteiligt waren und heute vergessen sind, als auch von denen, die in afrikanischen Metropolen Visionen der Moderne entwickelten und Gegenwart nachspürten. Cover von Pop-Platten ergänzen sich mit kulturrevolutionären Postern, Plakate und kostbar bestickte Tücher feiern die ghanaische Unabhängigkeit von 1957 neben Fahrradinstallationen als Sinnbildern von Vertreibung, Flucht, Migration. Familienalben korrespondieren mit Gemälden, Masterpläne für eine große Zukunft geplanter neuer Hauptstädte mit Fotos elender Slums, Dokumentarfilme wie der von der Ermordung Patrice Lumumbas mit Historiengemälden, die eben diesen Mord an der vielleicht charismatischsten Figur der afrikanischen Unbhängigkeit ins Zentrum stellen. Die Materialfülle der Schau ist schier erdrückend. "Am Anfang war das Buch", titeln einige Zeitungen, wirkt die Ausstellung doch fast wie eine dreidimensionale Begleitung der rund 500 Seiten starken Anthologie, mit deren Erarbeitung schon in den 1990er-Jahren alles anfing . Es ist der Versuch einer "kurzen kritischen Biografie Afrikas", wie Enwezor sagt, gegen falsche europäisch-westliche Bilder - weshalb es in der Ausstellung auch kein einziges Werk gibt, das aus afrikanischen Traditionen der Skulptur kommt.

Das Jahr 2001 unterstreicht gleich mit zwei großen Ausstellungen den Abschied des Hauses der Kulturen der Welt von Vorstellungen des "authentischen Vertreters der authentischen Kultur", die dieses und jenes seiner Anfangsjahre bestimmt hatten. Einerseits: Enwezor, der Mann, der sich da gegen falsche Vorstellungen von Afrika wehrt, ist Nigerianer von Geburt, nun New Yorker mit amerikanischem Pass und wird benannt als ein Mitglied eines heissbegehrten internationalen Kuratorenzirkels. Er selbst beschreibt sich als "postnational" und die Orte, an denen sich die gedanklichen und künstlerischen Verknüpfungen materialisieren, die die Wechselwirkungen und Hybridisierungen der globalen Kulturen erfassen, als "transnationale Orte". Okwui Enwezor spricht überhaupt von einer "Dritten Kultur", was wohl nicht zufällig Assoziationen wie "Dritter Weg" aufkommen läßt. Andererseits: Ebenfalls eine der von den Medien ausgemachten Jet-Set-Kuratoren ist Yu Yeon Kim, die neben ihrem Geburtsland Korea wie Enwezor in New York lebt. Sie konzipiert - nach Ausstellungen in Johannesburg und Mexiko-City - nun das zweite große Projekt des Hauses in diesem Jahr: "Translated Acts". Ihr Anspruch speist sich aus der Einschätzung: "Die westliche Kunstgeschichte ist in ihrem Verhältnis zu nichteuropäischen Kulturen nachhaltig gescheitert und neigt zu Fehlübertragung, Fehlinterpretation ..." In ihrer Präsentation geht es um asiatische Performance-Kunst, die Auseinandersetzung mit dem Körper, als Medium sozialer Verhältnisse und künstlerischer Strategien und um seine mediale Spiegelung und deren Spiegelung. Deutliche Werke sind darunter, wie das Video Gong Xin Wags aus Beijing, in dem dessen Sprache und schließlich dessen ganzer Kopf unter schepperndem Lachen verdampft - Symbol volksrepublikanischer Zensur. Deutlich auch der Mitschnitt der Kopulation eines Ebers und einer männlichen Figur, das begattende Schwein mit lateinischen Buchstaben und der Mann mit chinesischen Buchstaben bedeckt, Titel von Xu Bings Arbeit: "Cultural Animal". Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass man die Videos nur auf dem Hintergrund östlichen Denkens begreifen könne, wie eben den Film eines sich immer und immer wieder liebenden Paares, dessen Tun einem Mantra-ähnlichen Rhythmus gleiche und einen Zustand der Leere schaffe, der nicht leer ist - wie eben im Zen-Buddhismus. Das wird gesagt, nur um wieder zu warnen, dass der westliche Betrachter nur fehlinterpretieren könne, Übersetzungen schwierig bis unmöglich seien - es eben nicht darum gehen könne, das Ganze mit den Kategorien westlicher Moderne zu interpretieren. Es geht hier eben um eine eigene Moderne, die wiederum die Schwierigkeiten der "Translation" gleich mitbedenkt.

Ein Nachtrag: Während "Short Century" dann in New York gezeigt wird, im Queens Museum of Modern Art, werden die Twin Towers gefällt, tausende Menschen umgebracht. Der Fotograf Tohami Eunadre, dessen Werke in der Ausstellung gezeigt werden, rennt mit der Kamera hinein in die Staubwolken. Er macht widersprüchliche Erfahrungen: Polizisten und Feuerwehrleute beäugen ihn, den dunkelhäutigen Ex-Algerier, misstrauisch. Er ist ihnen "der Andere", vor dem man sich in Acht nehmen muss. Am Rande von Ground Zero aber nimmt er Teil an einer ungewöhnlichen Verbundenheit, von Menschen aller Nationalitäten, die sich weinend vor Trauer und lachend vor Überlebensfreude in den Armen liegen. Darin sieht er die Zukunft, so schließt er seinen Bericht: die Vereinten Nationen, die Zukunft der Menschheit.
A.B.

In der nächsten Woche begegnen wir performativ Reisenden, Ute Büsing schreibt über Künstler aus den Peripherien im Transit, in Episode 47, 2002 .

Süddeutsche Zeitung, 15.2.201
Berliner Zeitung, 18.5.2001
die tageszeitung, 19.5.2001
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.7.2001
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.5.2001
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.6.2001
Süddeutsche Zeitung, 28.2.2001
Die Welt, 9.3.2001
Die Welt, 17.3.2001
die tageszeitung, 10.3.2001
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.3.2001
Der Tagesspiegel, 10.11.2001