2009: Drama global

Wole Soyinka bei der Eröffnung von „1989 – Globale Geschichten“ | Foto: Annette Hauschild, © Haus der Kulturen der Welt

Wole Soyinka bei der Eröffnung von „1989 – Globale Geschichten“ | Foto: Annette Hauschild, © Haus der Kulturen der Welt

Es dräut das Jahr des GDJ, Großes Deutsches Jubiläum. Mit gutem Recht und doch häufig übertrieben wird in den nächsten 12 Monaten der friedlichen Revolution in der kleineren Hälfte Deutschlands gedacht. Tausende von Presseartikeln, Radio- und TV-Beiträgen, online-Zeitreisen und Gedenkreden sind zu erwarten. Wo nicht ganz konzentriert allein über Deutsches-Demokratisches und die Wende getalkt wird, wird der Blick etwas erweitert auf internationale Balance-Verhältnisse zwischen den Blöcken und auf deren Bröckeln. Sicher ist es faszinierend, das Vergehen eines Staates nachzuvollziehen, der sich eben noch zu seinem 40. Gründungsjubiläum als ewig deklariert hat. Aber es ist doch auch etwas abgenutzt, immer wieder dasselbe zu hören, und möglichst noch aus dem Mund von Guido Knopp: Was Honecker gesagt hat und Gorbatschow, welchen Unsinn das Politbüro der SED verzapfte: „Wenn der Nachbar (UdSSR) seine Wohnung tapeziert, sind wir (DDR) doch nicht verpflichtet dasselbe zu tun…“ und welchen gereimten Quatsch dessen Generalsekretär: „Den Sozialismus (DDR) in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel (Kapitalismus) auf“ und so weiter. Und dass das die Kräfteverhältnisse auf der Welt veränderte, wenn der Warschauer Block keiner mehr ist, das ist ja auch selbstverständlich.

Hier zeigt sich erstmals der neue Ansatz des HKW als spannend: Das Haus nimmt den Ball auf und expediert ihn auf ein neues, weitaus größeres Spielfeld. Was, so wird mit dem Programm „1989 – Globale Geschichten“ gefragt, was, wenn dieses Jahr eines des wirklich globalen Umbruchs war? Wenn 1989 eine Zäsur darstellt, die die internationalen Beziehungen weit mehr verändert hat als „nur“ mit dem Verschwinden von Ost-West-Machtblöcken, aus dem die USA als einzige Supermacht hervorging? Wenn diese Veränderungen dann auch deren Hegemonie in Frage stellten? Während andere das Ende der Geschichte postulieren, zieht das HKW ganz andere Schlüsse aus dieser Historie – weil es ganz anders fokussierte Perspektiven entwickeln kann, die internationale Verflechtungen und Wechselwirkungen in den Blick rücken.

Mit Statements von Wole Soyinka und Timothy Gartin Ash geht es los und dann wurde in den folgenden Tagen thematisiert: Der Sturz der letzten Diktatoren Lateinamerikas, Pinochet in Chile, Stroessner in Paraguay, und der Beginn einer „Transición“. Wohin soll der Übergang zur Demokratie gehen, eröffnete sich 1989 - Neoliberalismus wie in Argentinien oder „Revolucion Bolivariana“ in Venezuela? Auch für Afrika ist `89 ein Kippjahr: Südafrikas Apartheid-Regime wankt, im Jahr darauf wird Nelson Mandela entlassen. Fidel Castro zieht seine Truppen aus Angola zurück. In Asien ist 1989 sowohl das Jahr des Abzugs der sowjetischen Truppen aus Afghanistan als auch das der Niederschlagung der demokratischen Bewegung auf dem Tian’anmen-Platz. Und in Iran tritt mit den Beerdigungsfeierlichkeiten für Chomeini die „islamische Revolution“ in eine neue Etappe. Natürlich merken Sie was. Das hier ist ein ganzes Panorama an Brennpunkten, die globale Entwicklungen bewirkten und nach dem Jubiläumsjahr weitewirkten – und die Hegemonie der USA weiter in Frage stellten. Von hier aus ging die Geschichte erst noch richtig los. In diese Richtung wiesen die Reflexionen im HKW. Und noch mehr: Bei all den GDJ-Feierlichkeiten wurden mit Regelmäßigkeit ja die vergessen, die keine Deutsche waren, aber sehr wohl in D-Ost oder D-West lebten. Was 1989 für die vietnamesischen und afrikanischen Arbeiter in der DDR, aber auch für die deutsch-türkischen Bürger bedeutete, welche persönlichen Katastrophen oftmals, welcher Druck, welche Angst, wurde hier im Haus in Diskussionen, einer Ausstellung und Filmen deutlich.

Wer in den Episoden zurück blättert oder das HKW im Gedächtnis hat, entdeckt, dass auch das Haus, weil in der Umbruchphase 1989 aktiv geworden, in diesem Jubeljahr ebenfalls Jubiläum hat. Vielleicht kein Zufall: Konnte doch damals der Blick sich über Spannungen in Mitteleuropa hinaus weiten und war die Gründung eines solchen Kulturzentrums auch ein gutes Mittel gegen vielleicht zu befürchtende Deutschtümelei. Jedenfalls nahm sich das HKW 2009 vor, seinen 20. Jahrestag mit Kunstaktionspräsenten an die Hauptstadt Berlin zu begehen. Unter dem neudeutschen Titel „The Spirit of the Haus“ gab es da eine Kochperformance von Rirkrit Tirtavanija, eine „Laufkoppel“ mit Kreationen von John Bock, Installationen und Aktionen von Anri Sala und Christian Philipp Müller, Gedanken von Kwame Anthony Appiah zu „Revisiting the Future – Being Cosmopolitan“, ein Konzert von Oumou Sangaré und eine von Arto Lindsay entworfene „Penny Parade“, die die Unter den Linden entlang zog. Und erstmals wurde der Internationale Literaturpreis vergeben, der ab da jährlich ausgelobt wird: Mit einem durchaus namhaften Betrag wird seitdem hervorragende Literatur und hervorragende Übersetzung gleichermaßen ausgezeichnet. Und im übertragenen Sinne ist Übersetzung ja alltägliches Geschäft des HKW.

Ein 89er-Ereignis, dessen mit augenzwinkerndem Drang zur Vollständigkeit im HKW ebenfalls gedacht wurde, sei auch hier nicht vergessen: Angefeuert durch ein hochprominentes DJ-Line-up feierten rund 3000 Raver das 20. Jubiläum der ersten Love Parade. Deren Motto 1989: „Friede, Freude, Eierkuchen“ – da wissen wir inzwischen, dass diese Geschichte dramatisch, und tragisch, wurde.

Axel Besteher

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