2010: Großer Realitäts-Check

Rabih Mroué: The Inhabitants of Image | Berlin Documentary Forum 2010 | Foto: Thomas Lieberenz

Rabih Mroué: The Inhabitants of Image | Berlin Documentary Forum 2010 | Foto: Thomas Lieberenz

Lassen Sie mich in dieses Jahr mit einem weiten Rückgriff starten: 2002 hatte der singapurische Theatermann Ong Keng Sen die erste Ausgabe des Performance-Festivals IN TRANSIT am HKW geleitet. Der Regisseur und umtriebige Kulturmanager ließ in mehreren sogenannten DocuPerformances die Auseinandersetzung mit Strategien erproben, „gelebtes Leben auf die Bühne zu übersetzen“. Was ist das Projekt der Re-Präsentation, ließ er mit Stücken zu den Schmerzen der Apartheid oder zum libanesischen Bürgerkrieg fragen. Auch mit der Performance „Killing Fields“, die er mit Em Theay erarbeitete, einer Meistertänzerin des königlich-klassischen Tempel-Tanzes in Kambodscha – zum Völkermord der Roten Khmer. Wo sind die Grenzen des Zusammenspiels von Kunst und Leben, gab der heutige Kurator des unabhängigen Singapore International Festival of Arts damals als Frage vor.

Und jetzt bin ich bei 2010: Kam IN TRANSIT „ein bisschen wie das Theater zur Kasseler documenta“ (Theater Magazin 8/02) von der Performance-Seite zu den Fragen des Dokumentarischen, so beginnt in diesem Jahr ein neues Festival die Frage nach Leben und Kunst, Kunst und Dokumentation grundsätzlich und aktuell zu stellen. In zweijährlichem Rhythmus, geplant erst im biennalen Wechsel mit IN TRANSIT, ist das BERLIN DOCUMENTARY FORUM fortan ein internationales Treffen zur Reflexion des Dokumentarischen in allen Künsten, eben für: New Practices Across Disciplines, so der Untertitel des Treffens. Der „Einladung, das Dokumentarische als Akteur zu betrachten“, so Initiatorin Hila Peleg in ihrer Eröffnungsrede, folgen in diesem Jahr die Kuratoren Catherine David, Okwoi Enwezor und Eduardo Thomas, die Videokünstlerin Angela Melitopoulos, die Kulturhistoriker Ariella Azoulay und Issam Nassar, die Regisseure und Choreografen Xavier Le Roy, Rabih Mroué und Omer Fast, die Filmemacher Eyal Sivan und Florian Schneider. Das Festival als künstlerisch-ästhetische „Antwort auf die seit langem bestrittene Vorstellung, es gäbe ein neutrales Fenster zur Realität“, O-Ton Peleg, ist interessant durch prominente Teilnehmer ebenso wie durch die spannenden Fragen nach den realitätsgetriebenen und realitätsgeladenen Künsten - und etabliert sich schnell.

Und IN TRANSIT? Fand dann 2011 noch einmal statt, zu Zuschreibungen von Identität, unter Leitung von Jens Hillje. Danach übernahmen mit „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele den Festival-Staffelstab der realitätsgeleiteten Performing Arts ...

„Wegen all der vielen Bücher, die so farbig, so schwül, so vital selbst im Schwarzumflorten der Melancholie, den Kontinent beschworen, wobei deren Autoren wie wildgewordene Kinder die Zeiten durcheinanderwarfen, heiratete ich einen Argentinier und zog mit ihm nach Buenos Aires.“ So „erlaubte sich“ 2010 Sibylle Lewitscharoff in ihrer Rede im HKW bei der Verleihung des Internationalen Literaturpreis an Marie N`Daye und ihre Übersetzerin Claudia Kalscheuer einen lebensgeschichtlichen Exkurs. An anderem Ort und zu anderem Anlass hat sie sich 2014 mehr erlaubt, fand im Dresdener Staatsschauspiel die Gruppe der künstlich gezeugten „Halbwesen“ abscheulich. Aber 2010 war auch rund ums und im HKW das Jahr des „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“, „Es wird doch wohl noch erlaubt sein, auszusprechen“. Thilo Sarrazin, der dieser Attitüde im heutigen Deutschland zum Durchbruch verhalf, sollte hier beim Internationalen Literaturfest auftreten. Ausgerechnet in einem Haus der Kulturen der Welt wären die Thesen von Kopftuchmädchen, türkischen Gemüsehändler-Karrieren und jüdischen Genen seines Buchs „Deutschland schafft sich ab“ vorgestellt worden. Das HKW ließ das nicht zu. Und wurde sofort konfrontiert mit der von Sarrazin meisterhaft kultivierten Zumutung, man könne einfach mal so sein subjektives Missempfinden und seine pseudo-empirischen Einschätzungen, die ganze Bevölkerungsteile herabsetzen, in die Öffentlichkeit schütten. Und wäre bei dem so getriggerten energischen Widerspruch und der schon vorab erwarteten Empörung die verfolgte Unschuld, der die freie Meinungsäußerung verwehrt ist – zugleich aber 100.000er-Auflagen erlebt.

Sibylle Lewitscharoff hat sich inzwischen erschrocken über sich selbst gezeigt – Thilo Sarrazin noch nicht.

Axel Besteher

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