2012: Politische Perspektiven, hintergründig vs. aktuell?

Animismus, Ausstellungsansicht | © Arwed Messmer

Animismus, Ausstellungsansicht | © Arwed Messmer

Während die Pressekonferenzen im Vorfeld der dOCUMENTA (13) laufen, mit ihrem Plädoyer für Einfühlung in die Geschichten und die Essenz der Dinge und gegen die Allmachtsfantasien des Menschen gegenüber der Natur, ist das HKW mit dem Thema beseelte Natur „schon da“. Die Ausstellung ANIMISMUS eröffnet im Frühjahr und befragt den wissenschaftlichen Positivismus der Moderne mit seinen Grenzziehungen zwischen belebter und unbelebter Welt, Bewusstem und Bewusstlosem. Und mit seiner rigiden Abspaltung von einer Weltsicht, die animus, den Hauch, die Seele in allen Naturerscheinungen entdeckt, als „vorrationaler Welterklärung“ (Wikipedia). Die Begriffskonstruktion „Animismus“ wird zum Ausgangspunkt von künstlerischen Positionen und von Panels, die thematisieren, wie es eigentlich steht mit diesen Unterscheidungen im Kapitalismus und seiner Ermächtigung der Dinge über die Menschen oder im System der kolonialen Zuschreibungen, die heute weiterwirken. Und umgekehrt: Welches Potenzial darin liegt, die Grenzen dessen zu verschieben, was aus „eigenem Recht“ existiert – und folglich Anspruch auf pfleglichen Umgang und Schonung hat.

Das ist natürlich hochpolitisch, ebenso wie das Langzeit-Rechercheprojekt GLOBAL PRAYERS mit dem Untertitel „Erlösung und Befreiung in der Stadt“, das gerade im Februar einen ersten Programmhöhepunkt erlebt hatte. Dort wurde der landläufigen Vorstellung widersprochen, dass Metropole und Religion etwa so wie Aufklärung und Religion ein Gegensatzpaar bilden. Nein, so die in vielerlei Kontinenten und Aspekten untersuchte und präsentierte These, gerade in den globalen Metropolen entwickeln sich die modernen und starken religiösen Strömungen: Sie gewinnen gerade dort politische, wirtschaftliche, soziale (Spreng-)Kraft. Ob Urban Gardening in New York, soziale Dienste in Beirut, korruptiver Staat im Staat in Lagos – die gesellschaftliche Präsenz religiöser Bewegungen und Institutionen nimmt zu. Auch GLOBAL PRAYERS ist ein Mehrjahresunternehmen mehrerer Kooperanten, läuft schon seit 2009 und wird erst 2013 mit einem Kongress abgeschlossen. An dem ist nicht nur, aber ganz besonders interessant: die Filminstallation „Speaking in Tongues“ von Arnout Mik, zu der der Videokünstler hunderte von Statisten und profilierte Schauspieler wie Lars Eidinger und Burghart Klaußner durch einen mehrtägigen Psychomarathon geleitet hatte: In Improvisationen, Pseudo-Konferenzen und fiktiven Workshops, die plötzlich ganz ernst wurden, wurde deutlich, wo die Gemeinsamkeiten religiöser und netzwerkkapitalistischer Rituale liegen. [Video mit Ausschnitten in der Mediathek]

Im Dezember dann widmen sich die Thementage BONDS der internationalen Finanzkrise und vor allem den Untergründen der finanzwirtschaftlichen Debatten, die sie in Gang setzte. Es geht um „Schulden, Schuld und andere Verbindlichkeiten“ und thematisiert werden gerade die Emotionen und Zuweisungen, die hier losgelassen wurden. Das Schuld-Motiv wird nicht nur angesichts des ineinander verbissenen Tandems Deutschland-Griechenland thematisiert, sondern auch angesichts der Profiteure der Staatsverschuldung , und die vorgeblich voneinander vollkommen unabhängigen Größen Ökonomie und Moral werden in einem Theaterstück von Tomas Sedláček in enge Beziehung gesetzt.

Es ist natürlich interessant, natürlich auf jeden Fall langfristig gedacht sinnreich, ein großes Feld von Wissenschaftlern aller Fachgebiete, darunter Ökonomie-Superstar Sedláček, auf das Thema Finanzkrise anzusetzen. Nur, fällt Ihnen auch was auf? Der Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank und damit der akute Krisenausbruch, der hat sich im September 2008 abgespielt, also über vier Jahre vor den BONDS-Veranstaltungen. Nun wird kein seriöses Kulturunternehmen Tagesaktualität simulieren, und keiner will Maischberger-Will-Illner-hafte Veranstaltungen am HKW. Nur das Problem, wie auf aktuelle, im globalen Raum hart auf sich stoßende Widersprüche reagieren, besteht auch und gerade für eine Institution, die unter die Oberfläche blicken will. Das HKW hat immer wieder aktuelle Debatten um den Islam und seine Auslegungen und Anwendungen geführt - jedoch: Von heute aus betrachtet, in Tagen, in welchen nach dem bekannten Satz von Religion und Opium das Opium nicht nur in Syrien/Irak durch Speed fürs Volk ersetzt worden sein muss und sich blutige Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten bis nach Berlin-Neukölln ziehen, wirkt auch das GLOBAL PRAYERS-Unternehmen zwar nach wie vor erhellend, aber doch ein wenig harmlos. Wie also aktueller werden, ohne flach zu werden, wie näher da ran, wo es weh tut?

Axel Besteher

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