Tonspuren: Achtung, Aufnahme!

Das Hörstück
Was macht Aufnahmegesellschaften aus? Wer nimmt wen auf und zu welchem Zweck? Wie berichten deutsche Medien über das Ankommen und Aufnehmen? Die Autorin und Radiomacherin Julia Tieke hat ein Hörspiel entwickelt, das den medialen Diskurs in einen sprachlich-akustischen Prozess des Übersetzens, Interpretierens und Kommentierens überführt.

Deutschsprachige Medienberichte aus dem Jahr 2015, vor allem Porträts und Reportagen über Flucht- und Migrations-Erfahrungen verschiedener Gruppen, bilden die Grundlage für neun Monologe. Diese wurden in die jeweilige Sprache des Herkunftslands übersetzt und anschließend in sieben unterschiedlichen Sprachen eingesprochen. Die vielsprachige Collage ist ergänzt um Auszüge aus dem Grundgesetz, eine deutsche Textebene, sowie Gesang aller beteiligten Schauspieler*innen.

Die Audio-Arbeit war zunächst speziell für den Kuppelsaal des silent green in Berlin-Wedding als begehbares Hörspiel für zwölf im Raum angeordnete Lautsprecher konzipiert. Anschließend ist daraus eine Stereofassung entstanden, die hier zu hören ist.

Der Audio-Guide
Auf einer zweiten Ebene hat Julia Tieke den gesamten Arbeitsprozess mit dem Mikrofon aufgenommen und daraus einen Audio-Guide mit 50 Tracks entwickelt. Die an der Entstehung des Hörstücks beteiligten Übersetzer*innen, Sprecher*innen und Tontechniker*innen kommentieren und erzählen darin sowohl persönlich wie auch inhaltlich. Außerdem werden einige der fremdsprachigen Monologe des Hörstücks zurück ins Deutsche gedolmetscht. Alle Kommentare und Gespräche (insgesamt ca. 5 Stunden 30 Minuten) sind auf Deutsch, sofern nicht anderweitig angegeben.

Tonspuren in Zusammenarbeit mit Schlesische27, raumlaborberlin, TAK Theater und silent green als Teil des HKW-Langzeitprojekts 100 Jahre Gegenwart.

Das Hörstück

Tonspuren: Achtung, Aufnahme!

Ein begehbares Hörspiel mit zu vielen Stimmen (und zu wenig Übersetzung)

Der Audio-Guide

I. Lost in Translation – Übersetzer*innen als Vermittler*innen

01—Schatzis, ursprüngliche Männlichkeit und Gastarbeiter

Mit Anila Shuka im Übersetzungsprozess der albanischen Texte (10 min)

02—„Die meisten, die hier zu Wort kommen, beschreiben sich schon aus dem Blick des Fremden.“

Anila Shuka über die Verbindungen zwischen dem Kosovo und Deutschland (7:20 min)

03—„Ich denke, der Satz ist seit den 50er Jahren falsch übersetzt worden.“

Anila Shuka über den Kanun, das Gewohnheitsrecht in Albanien (7 min)

04—„Man versucht, Kosovo nicht so klischeehaft darzustellen wie Albanien.“

Anila Shuka über flache Perspektiven und ironische Selbstbeschreibungen (4:40 min)

05—„Das würde wirklich kein Mensch sagen.“

Dorota Stroińska über die Brisanz des Begriffs „Osteuropa“ (4:20 min, am Telefon)

06—„Die Frauen unterstützen sich gegenseitig.“

Dorota Stroińska über polnische Pflegekräfte in Deutschland und ihren Austausch untereinander (8:40 min, am Telefon)

07—„Nicht, dass jemand denkt, die Frau hat sich jetzt ans Bordell gewandt.“

Dorota Stroińska über Übersetzung und Bedeutung von „Agentur“ im Polnischen (2:30 min, am Telefon)

08—„Eigentlich ist das Herausfordernde, etwas aufzunehmen, anzunehmen, was wir nicht verstehen und was uns noch fremd erscheint.“

Dorota Stroińska über die Grenzen von Übersetzung und warum wir „Ohrpflegekräfte“ brauchen (3:30 min, am Telefon)

09—„Hast Du schon Congra bekommen?“

Freweyni Habtemariam über das Übersetzen von Strukturen und die Entstehung neuer Wörter (3:10 min, am Telefon)

10—„Dann kann seine ganze Geschichte in Frage gestellt werden.“

Freweyni Habtemariam problematisiert den Eritrea-Monolog — Bürgerkrieg, Container und gute Absichten, die hinken (10:10 min, am Telefon)

11—„Die eigentliche Kritik, die ich habe, ist: Warum wird so eine Kunstform notwendig?“

Freweyni Habtemariam über Fragen, die nicht gestellt werden (5:50 min, am Telefon)

12—„Das Zuhören der Flüchtlinge passiert zu wenig.“

Freweyni Habtemariam über Erzählen, Zuhören und politische Kernfragen (2:40 min, am Telefon)

13—„Es wäre existenziell wichtig, zu gucken, dass nicht offenkundig Regimetreue als Dolmetscher eingesetzt werden.“

Freweyni Habtemariam über das Dolmetschen in Asylverfahren (2:10 min, am Telefon)

14—„Hoppla, wie werde ich das jetzt übersetzen?“

Gloria Fochs über Schützenfest, Feierabend und Fragen des Geschlechts im Spanischen (5:10 min, am Telefon)

15—„Das Schöne am Übersetzen ist, dass man nicht mechanisch A durch B ersetzt“.

Gloria Fochs über ihren Beruf und den gestiegenen Bedarf an Übersetzungen von Zeugnissen ins Deutsche (2:50 min, am Telefon)

16—„Alle zusammen machen eine gute Geschichte.“

Sharmila Hashimi über den Afghanistan-Monolog (4:30 min)

17—„(Nicht) gekommen, um Wurstsuppe zu essen.“

Sharmila Hashimi darüber, wie afghanische Geflüchtete in Deutschland dargestellt und behandelt werden (12:50 min)

18—„Meine erste Priorität ist nochmal zu studieren.“

Sharmila Hashimi über ihre Pläne für die nächste Zeit (7:20 min)

19—Von Sehnsucht zu Geldstrafe, von Beduinenschmuck zu Piercing.

Mit Somar Almir Mahmoud im Übersetzungsprozess der arabischen Texte, Teil 1 (12:50 min)

20—Fragen nach der Maskulinisierung, nach einer weiblichen Stimme mit männlicher Grammatik — und ein neues Wort für Schlauchboot.

Mit Somar Almir Mahmoud im Übersetzungsprozess der arabischen Texte, Teil 2 (8:40 min)

21—Egal, eben, zu viel – Schwierigkeiten einer performativen Übersetzung.

Somar Almir Mahmoud über Sprachgebrauch und darüber, wie „zu“ im Arabischen ausgedrückt werden kann (6:10 min)

Intermezzo

22—Monolog Syrien

Frauenstimme (Fatina Laila), gedolmetscht von Günther Orth (6:50 min)

23—Monolog Syrien

Männerstimme (Ayham Majid Agha), gedolmetscht von Günther Orth (11:50 min)

24—Monolog Irak

(Inaam Wali-Al Battat), gedolmetscht von Günther Orth (7:50 min)

25—Monolog Afghanistan

(Soliman Saien), gedolmetscht von Javeh Asefia (11:10 min)

26—Monolog Albanien

(Elda Sorra), gedolmetscht von Gazmend Rushiti (4:50 min)

27—Monolog Kosovo

(Astrit Geci), gedolmetscht von Gazmend Rushiti (7 min)

28—Monolog Eritrea

(Kiflom Zerihun), lesende Annäherung von Julia Tieke (7:40 min, Englisch)

II. Dem Text eine Stimme geben, kommentieren, erzählen – Die Sprecher*innen der Monologe

29—„Es ist schlimmer als im Krieg!“

Astrit Geci über die Situation im Kosovo, die Europa-Begeisterung der Kosovaren und die Vorstellung eines ganzen Lands als Heim (13:10 min)

30—„Im Schlauchboot habe ich fünf deutsche Wörter gelernt.“

Ayad Milko über seine Flucht aus dem Irak nach Berlin (9:30 min)

31—„Bei der Anhörung habe ich gefragt, ob es eine Regel dafür gibt, warum manche Leute Asyl bekommen und manche nicht.“

Ayad Milko über seine Zeit in Berlin (7:50 min)

32—„It’s a new life for people who are really still interested in continuing after their situation.“

Ayham Majid Agha über sich und das neu gegründete Exil Ensemble am Gorki Theater–Teil 1 (5:30 min, Englisch)

33—„We will not do clichés.“

Ayham Majid Agha über das Exil Ensemble am Gorki Theater – Teil 2: Alice im Wunderland, Erwartungen, Vielsprachigkeit (12:30 min, Englisch)

34—„Wenn ich jetzt da wäre und die Möglichkeit hätte abzuhauen – ich würd’s tun.“

Elda Sorra kommentiert den albanischen Monolog und die aktuelle Situation in Albanien (4:30 min)

35—Das Riesenloch in der Mauer der deutschen Botschaft.

Elda Sorra über die Flucht ihrer Familie aus Tirana, 1990 (8:40 min)

36—„Meine Situation war ganz anders, meine Krise war davor.“

Elen Moos über den spanischen Monolog und ihr Ankommen in Berlin (2:20 min)

37— „Das baut einen sehr starken Druck auf, weil man sich immer als perfekt darstellen muss und nicht als jemand, der Schutz braucht.“

Fatina Laila kommentiert den von ihr gesprochenen Syrien-Monolog (5 min, Arabisch)

38—Deutsche Fassung von Track 37

Gedolmetscht von Günther Orth (5:10 min)

39—„Ich habe es innerlich abgelehnt, für Saddam Hussein zu singen.“

Inaam Wali-Al Battat über Fluchtgründe von Irakern und ihre eigene Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen (5:40 min)

40—„Meine eigene Musik, das ist eine Mischung.“

Inaam Wali-Al Battat über ihre Musik (2:10 min)

41—„Die Frauen haben mit den Geschehnissen und Vorfällen immer noch zu kämpfen.“

Julia Swiech über ihren Bezug zum polnischen Text (3:10 min)

42—„When you are a refugee, you are not a full person.“

Kiflom Zerihun und Habtom Weldu über das von ihnen gesungene tigrinische Lied (7:20 min, Englisch, Deutsch)

43—„I am to think for the world.“

Kiflom Zerihun über seine Beteiligung am eritreischen Unabhängigkeitskrieg, über gescheiterte Träume und den Wert von Bildung (8:20 min, Englisch)

44—„Ich habe die Situation live in meinen Augen gesehen.“

Kurze Anmerkungen von Soliman Saien zum Afghanistan-Monolog (2:10 min)

III. Zwischen Tontechnik und Metaphysik

45—„Before this, a little bit of a break would be nice.“

Eine Aufnahme schneiden, deren Sprache man nicht versteht, Fetewei Tarekegn mit Julia Tieke (10 min, Englisch, Deutsch, Tigrinya)

46—„Das Schicksal hat mich geradezu dahin gedrängt, dass ich aufnehmen kann.“

Frieder Butzmann über einen Weg weisenden Lottogewinn und die Gefahren beim Aufnehmen (6 min)

47—„Eine Aufnahme, die genau so wie die Sache ist, des wird’s nie geben.“

Frieder Butzmann über das Aufnehmen und über verschiedene Modi des Zuhörens – mit zwei kurzen Gesangseinlagen am Ende (8:30 min)

48—Recordare –Tonaufnehmen zwischen technischem Vorgang und einer Frage auf Leben und Tod.

Ingo Kottkamp darüber, was ein Rekorder sein kann (8 min)
Mit einem Ausschnitt aus: Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem in D minor, K. 626 - III. Sequence - Recordare (For Voices and Recorder Ensemble – Papalin), Quelle: https://musopen.org

49—„Es ist ein ganz schwieriger Prozess, bis etwas wirklich recorded ist.“

Ingo Kottkamp über die Wortgeschichte des Rekorders (4 min)

50—„Zuhören schafft ein Klima, das bestimmtes Reden begünstigt.“

Ingo Kottkamp über den besonderen Hör-Moment, sowie die Politisierung des Sprechens und des Zuhörens (3:40 min)