Art Without Death: Russian Cosmism


Fr, 01. September 2017 — Di, 03. Oktober 2017

„Es gab in Russland immer Menschen, die den Staat wie einen bösartigen Tumor behandeln oder ganz entfernen wollten. Je bösartiger der Staat, desto vehementer war der Drang nach Heilung, der Traum von der Befreiung vom Leid. Unter diesen Umstürzlern und Utopisten war ein Philosoph, der zu Leo Tolstois Zeit als unscheinbarer Bibliothekar in Moskau lebte und viel radikaler war als alle Tolstois, Bakunins und Lenins. Nikolai Fjodorow, so hieß der bis heute verehrte Denker, nannte den Zarenstaat eine „todbringende Kraft“. Gleichzeitig glaubte Fjodorow, dass nur die russische Autokratie in der Lage sei, die wichtigste Aufgabe der Menschheit zu verwirklichen: den Tod abzuschaffen.“
(Boris Schumatsky, FAZ, 12.8.2014)

Ausgehend von der Spiritualität im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Bewegung des Kosmismus, die nichts anderes als die Unendlichkeit des Lebens imaginierte, die Überwindung des Todes. Die Lehre vom sprichwörtlichen un-endlichen Raum erfasste die Wissenschaft und Künste in ihrer damaligen Aufbruchsstimmung. Seit dem 19. Jahrhundert hatte das utopische, der Science Fiction nahestehende Denken der Kosmisten großen Einfluss auf Kunst, Wissenschaft und auch Politik im zaristischen wie später sowjetischen Russland.

Betrachtet man es heute, eröffnet der Kosmismus, obwohl von der offiziellen Sowjet-Ideologie überschattet, neuartige Perspektiven auf die russischen Avant-Garden sowie Ideologie und Politik Russlands bis in die Gegenwart. So verlangte etwa Nikolai Fjodorow (1829–1903) in seinen einflussreichen Schriften, dass oberstes Ziel der Technologieentwicklung die Überwindung des Todes sein müsse; alle Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, müssten wieder zum Leben erweckt werden. Die Kosmisten waren auch visionäre Wegbereiter der Raumfahrt – bei Fjodorow etwa war die Besiedlung anderer Planeten unausweichliche Folge der Raumknappheit nach der Wiedererweckung der Verstorbenen. Zudem kam im Kosmismus der Institution Museum eine zentrale Rolle zu: Dort sollten die für die Resurrektion nötigen Überreste einzelner Personen konserviert werden. Nikolai Fjodorow wie auch der Maler und Gründer des Suprematismus Kasimir Malewitsch glaubten außerdem, das Museum sei nach dem Tod Gottes der einzige Ort, an dem eine transhistorische Vereinigung über das Grab hinaus möglich sei.

In der Film-Trilogie Cosmism (2014–2017), setzt sich Anton Vidokle mit dem Russischen Kosmismus auseinander; der dritte Teil feiert in Berlin seine Premiere. Vidokle, entdeckte den Kosmismus vor ungefähr zehn Jahren durch Boris Groys. Anton Vidokle: „Boris Groys‘ Beschreibung war so makaber und vampirisch – zu gut, um wahr zu sein. Ich dachte, er hätte es erfunden. Einige Jahre später erzählte mir Ilya Kabakow dieselben Geschichten. Mir wurde schlagartig klar, dass es nicht Groys’ Erfindung sein konnte und begann nach Quellen zu suchen.“

Die Ausstellungsarchitektur von Nikolaus Hirsch / Michel Müller greift die Assoziation des Museums als Mausoleum und Ort einer potentiellen Wiederauferstehung auf: In der Ausstellungshalle 1 werden die Filme der Cosmism Trilogie in Strukturen präsentiert, die an Grabarchitektur der ehemaligen Sowjetunion angelehnt sind.

In der Ausstellungshalle 2 wird Boris Groys seine Auswahl historischer Positionen der Russischen Avantgarde aus der Sammlung George Costakis (State Museum of Contemporary Art Thessaloniki) zeigen. Eine von Arseny Zhilyaev konzipierte „Library“ wird parallel dazu dem Publikum Schlüsselwerke der Kosmisten zugänglich machen.

Im Rahmen der Ausstellung findet eine von Boris Groys mitkonzipierte Konferenz statt, die die heutige Aktualität des Kosmismus beleuchten soll: An der Schwelle zwischen Anthropozentrik und Materialismus erscheint diese Bewegung vor dem Hintergrund heutiger philosophischer Strömungen 100 Jahre nach der Russischen Revolution wieder relevant.

Anton Vidokle ist Künstler, Kurator und Filmemacher. Er lebt derzeit in New York und Berlin. Er ist Gründer von e-flux, eine Publikationsplattform, die zugleich Archiv, künstlerisches Projekt und ein Forum für Kuratoren ist. Er war an der Documenta 13 wie den Biennalen von Venedig und Lyon vertreten. 2016 zeigte er seinen Science Fiction Film „2084“ (mit Pelin Tan) bei der Montreal Biennale, „This is Cosmos“ (2014) bei der Berlinale, der Shanghai Biennale und am Witte de With, Rotterdam.

Boris Groys ist Philosoph, Essayist und Medientheoretiker. Nach Stationen in Köln, Philadelphia, Münster und Los Angeles war er bis 2009 Professor für Kunstwissenschaft, Philosophie und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und seitdem Senior Research Fellow. 2009 wurde er zum Professor für russische und slawische Studien an der New York University ernannt. 2005 veröffentlichte er zusammen mit Michael Hagemeister „Die Neue Menschheit“, mit der er die „Philosophie der gemeinsamen Tat“ von Nikolai Fjodorow wieder bekannt machte.

Arseny Zhilyaev lebt und arbeitet in Moskau und Woronesch. In neueren Arbeiten untersucht er das Erbe der sowjetischen Museologie unter dem Aspekt des Revisionismus. Seit 2011 ist er Mitherausgeber der Moskauer Kunstzeitschrift “Khudozhestvennyi Zhurnal” und veröffentlicht Beiträge u.a. im e-flux journal. Seine Arbeiten wurden u.a. bei der Liverpool Biennale (2016) und im gleichen Jahr bei der Triennale Ljubljana gezeigt wie bei Ausstellungen in der Casa dei Tre Oci, V-A-C Foundation, Venedig (2015), Kadist Art Foundation, Paris, France und San Francisco, USA (2014) sowie in der V-A-C Foundation, Moskau (2012) und der Staatlichen Tretjakow Galerie, Moskau (2012).

Im Rahmen von 100 Jahre Gegenwart

Ausstellung, Konferenz

Eröffnung 1.9.2017