Staatstechnologien

A Portrait of Contemporary Power

Was ist heute aus dem Staat geworden? Tiefenbohrungen zu sechs Themen – Infrastruktur, Finanzkapitalismus, Datensysteme, der Staatsapparat als Unternehmen, Gewalt, Demokratie – verdeutlichen die Transformationen im Staatsgebilde und seiner gegenwärtigen Machtverteilung. Inmitten der Unkenrufe über den Niedergang des Nationalstaats in Zeiten der Globalisierung ist es offensichtlich, dass er unter dem Einfluss globaler Kräfte expandiert und sich wandelt. Wie lässt sich die Rolle des Staates in diesem Beziehungsgeflecht verstehen und wie beeinflusst dieses Verständnis die Vorstellungen davon, was der Staat tatsächlich ist?

Mit cinéma copains (Arne Hector und Minze Tummescheit), Keller Easterling, Charles Lim Yi Yong, Boaventura de Sousa Santos, Felix Stalder, Samar Yazbek

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cinéma copains (Arne Hector und Minze Tummescheit) arbeiten seit 2000 als Filmemacher*innen gemeinsam an forschungsbasierten Langzeitprojekten zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen. Beispiele dafür sind die Filmessays Jarmark Europa (2004) und in arbeit (2012). Zurzeit entsteht die Reihe Fictions and Futures (seit 2013), in der es um die Kolonisierung der Zukunft mittels komplizierter finanzwirtschaftlicher Instrumente geht. Ihre Filme wurden u. a. in der Gallery 400 / UIC (2016), an der Kunsthal Charlottenborg (2015), im CEN Porto Alegre (2014), im Forum Expanded der Berlinale (2014), beim Bergen Assembly (2013) und auf der Taipei-Biennale (2012) gezeigt.

Keller Easterling ist Architektin, Autorin und Professorin an der School of Architecture der Yale University. Sie hat in vielen Teilen der USA unterrichtet und umfangreich publiziert. In ihrem Buch Extrastatecraft: The Power of Infrastructure Space (2014) betrachtet sie globale Infrastrukturnetzwerke als Medien politischer Öffentlichkeit. In Subtraction (2014) stellt sie Überlegungen zum Rückbau an und erörtert, wie man die Entwicklungsmaschine insgesamt zurückfahren könnte. Easterlings Forschungen und Texte wurden international ausgestellt, u. a. auf der 14. Architekturbiennale von Venedig 2014.

Charles Lim Yi Yong hat die Central Saint Martins School of Art and Design in London 2001 mit einem B.A. absolviert. Lims künstlerische Arbeit umfasst Film, Installation, Klang, Gespräche, Text, Zeichnung und Fotografie. Er ist Mitbegründer des wegweisenden Netzkunst-Kollektivs tsunamii.net, dessen Arbeit auf der documenta 11 (2002) gezeigt wurde. Seit 2005 arbeitet er unter dem Titel Sea State an einer Reihe von Werken, die die politischen, biophysischen und psychischen Konturen des Stadtstaates Singapur durch die sichtbare und imaginäre Optik des Meeres betrachten. Sea State wurde im Singapur-Pavillon der 56. Biennale von Venedig (2015) gezeigt.

Boaventura de Sousa Santos ist Professor für Soziologie an der Universidade de Coimbra, Portugal, und Distinguished Legal Scholar der University of Wisconsin-Madison. Er ist Direktor des Centro de Estudos Sociais (CES) der Universidade de Coimbra und hat umfangreich zu Themen der Globalisierung, der Soziologie von Recht und Staat, sowie zu Epistemologie, Demokratie, zu den Menschenrechten, sozialen Bewegungen und dem Weltsozialforum publiziert. Zu seinen neuesten Buchveröffentlichungen gehören If God Were a Human Rights Activist (2015), Epistemologies of the South. Justice against the Epistemicide (2014) und Toward a New Legal Common Sense: Law, Globalization, and Emancipation (2002).

Felix Stalder ist Professor für digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste und leitet dort zurzeit den B.A. Studiengang Vertiefung Mediale Künste. Außerdem ist er als unabhängiger Forscher und Organisator in Gruppen wie dem Institut für neue Kulturtechnologien (t0) in Wien tätig. Er publiziert seit Mitte der 1990er Jahre ausführlich zu digitalen Netzwerkkulturen und ihren Auswirkungen auf das politische Leben. Als Autor u.a. von Digital Solidarity (2013) und zuletzt Kultur der Digitalität (2016) behandelt er die historischen Ursprünge und heutige Verfassung der immer weiter um sich greifenden digitalen Sphäre.

Samar Yazbek ist Autorin und Journalistin. Sie hat zahlreiche Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher verfasst und das feministische E-Zine Women of Syria herausgegeben. Sie hat sich öffentlich für Menschenrechte und Frauenrechte eingesetzt und an den Demonstrationen gegen die Regierung Assads teilgenommen. 2012 wurde sie für ihr Buch Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution – eine Beschreibung des syrischen Volksaufstands während der ersten Monate – mit dem PEN/Pinter International Writer of Courage Award ausgezeichnet. Seit sie 2011 Syrien verlassen musste, ist sie mehrmals heimlich in ihr Heimatland zurückgekehrt. In ihrem neuesten Buch Die gestohlene Revolution. Reise in mein zerstörtes Syrien (2015) beschreibt sie, wie aus einem friedlichen Volksaufstand ein entsetzlicher Krieg wurde.