Pressemitteilung vom 11.10.2019

Spektral-Weiß. Die Erscheinung kolonialzeitlicher Europäer*innen

Spektral-Weiß | Kanon-Fragen

Ausstellung: 1.11.2019-6.1.2020
Eröffnung: 31.10.2019, 19h
Presseführung: 31.10.2019, 17h

Akkreditierung erbeten:

Spektral-Weiß. Die Erscheinung kolonialzeitlicher Europäer*innen präsentiert eine gleichzeitig unvollständige und erweiterte Rekonstruktion einer vom Kölner Ethnologen Julius Lips (1895-1950) angelegten Objektsammlung. Diese Sammlung wirft Fragen zu Gewalt und Aneignung, kultureller Symbolisierung und Widerstand auf. Gleichzeitig hinterfragt die Ausstellung rassistische Projektionen und die blinden Flecken, die es bis heute erschweren, der Matrix des weißen Blicks zu entkommen.

1937 veröffentlichte Lips im US-amerikanischen Exil sein Buch The Savage Hits Back, in dem er die Außenwahrnehmung europäischer Kultur in explizit antirassistischer Absicht thematisierte. Der damalige Direktor des Kölner Rautenstrauch-Joest Museum war einer der wenigen deutschen Ethnolog*innen, die sich nicht in den Dienst der Nazi-Ideologie stellen ließen, und musste Deutschland 1934 verlassen. Lips sah in den Objekten und Fotos eine der europäischen Kunst überlegene Form des Realismus, aber auch antikoloniale Satire und Karikatur. Lips Behauptung einer widerständigen Umkehrung der kolonialen Blickhierarchie und ihren kulturkritischen Implikationen erscheint jedoch fragwürdig, denn viele der in der Ausstellung gezeigten Objekte wurden für eine weiße Käuferschaft produziert.

Wie die überwiegende Mehrheit der europäischen Forscher*innen rezipierte auch Lips nicht-westliche Kunst weitgehend als Ausdruck von Kollektiven, die Künstler bleiben daher in seinem Buch namenlos. Zwei Künstler, deren Werke Lips in seinem Buch abbildet, werden in dieser Ausstellung biographisch vorgestellt. Tommy McRae (Südwestaustralien, circa 1835-1901) und Thomas Onajeje Odulate (Lagos, Nigeria, circa 1880- 1952) schufen sich durch den Verkauf ihrer Kunst Handlungsspielraum in Zeiten massiver kolonialer Unterdrückung indigener Kultur und Lebensformen.

Im Vorwort zu seinem Buch parallelisierte Lips die Geschichte systematischer Entrechtung durch die Kolonisierung mit seiner eigenen Erfahrung der Entrechtung durch die deutschen Faschisten und entwirft eine dystopische Zukunftsvision, die im Faschismus die Ausgeburt von Imperialismus und Kolonialismus sieht. Davon ausgehend beschäftigt sich die Ausstellung mit geschichtsphilosophischen Thesen, die in der Bumerang-artigen Rückkehr kolonialer Gewalt eine wesentliche Triebkraft für den europäischen Faschismus des 20. Jahrhunderts sehen.

Kuratiert von Anna Brus in Zusammenarbeit mit Anselm Franke.

Ein wissenschaftlicher Begleitband, herausgegeben von Anna Brus (Universität Siegen) in Zusammenarbeit mit dem RJM und dem HKW, erscheint im Herbst 2019 im Reimer Verlag.

Im Rahmen von Kanon-Fragen, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. In Kooperation mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt (RJM), Köln. Das Haus der Kulturen der Welt wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie das Auswärtige Amt.

Pressekontakt
Anne Maier
Pressesprecherin
Haus der Kulturen der Welt
+49 30 39787 153/196