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Bernd Scherer: Eröffnungsrede

Anlässlich der Langen Nacht der Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2015

Meine Damen und Herren,

ich möchte Sie ganz herzlich im Namen des Haus der Kulturen der Welt begrüßen zur diesjährigen Verleihung des Internationalen Literaturpreises und zur langen Nacht der Shortlist.

Insbesondere geht mein Willkommensgruß an alle international und national angereisten Autoren und Ihre Übersetzer: No Violet Bulawayo und Miriam Mandelkow, Daša Drndić, Brigitte Döbert und Blanka Stipetić, Katja Meintel, Krisztina Toth und György Buda, Patrick Chamoiseau und Beate Thill und Amos Oz und Mirjam Pressler. Herzlichen Dank, dass Sie unsere Einladung angenommen haben. Gilbert Gatore konnte leider nicht kommen.

Und mein Willkommensgruß geht an alle die Jury-Mitglieder, Leila Chammaa, Michael Krüger, Marko Martin, Jörg Plath, Sabine Peschel, Iris Radisch und Sabine Scholl, die diesen Abend wesentlich mit uns gestalten.
Last but not least geht mein ganz besonderer Dank an den Stifter dieses Preises, Jan Szlovak. Dank seines Engagements können wir diesen Preis hier jährlich vergeben. Dank der Kontinuität der Zusammenarbeit mit ihm konnte sich der Preis in den letzten Jahren fest etablieren. Wir wie auch er selbst bedauern sehr, dass er aus gesundheitlichen Gründen heute Abend nicht mit uns das Fest begehen kann.

Wir feiern heute bereits die siebte Ausgabe. Der Preis verdankt sich ja seit Beginn der Einsicht, dass die Literatur heute nicht mehr als Nationalliteratur gedacht werden kann, dass vielmehr die internationale Literatur Teil unserer eigenen Kultur ist. Sie verändert unseren Denk- und Erfahrungshorizont, als Leser, wirkt aber auch auf das Schreiben deutscher Autoren ein.
Es geht nun bei diesem Preis nicht um die internationale Literatur im Allgemeinen, sondern um eine deutsche Perspektive auf diese Literatur. Diese Perspektive bestimmt die Auswahl. An ihm sind auf der einen Seite die deutschsprachigen Verlage mit ihren Lektoren beteiligt. Ihnen möchte ich an dieser Stelle einen besonderen Dank für die vertrauensvolle Zusammenarbeit aussprechen. Über 70 Verlage beteiligten sich allein in diesem Jahr durch Einsendung von Büchern am Preisverfahren. An der Auswahl ist aber auch unsere Jury beteiligt, auf deren Arbeit ich im Laufe des Abends noch genauer eingehen werde.

Diese Nacht ist ein Versprechen. Sie ist ein Versprechen auf ausgezeichnete Literatur. Wir werden sechs sprachlichen Weltentwürfen begegnen, in denen sich prismenhaft unsere heutige Welt widerspiegelt. Es sind literarische Zugriffe auf die Welt, die ihren Erfahrungs- und Denkraum ganz unterschiedlichen Sprachen verdanken: vom Hebräischen über das Ungarische und Kroatische bis hin zum Französischen und Englischen. Sprachen, die uns vertraut sind, Sprachen aber auch, bei denen es eines Mittlers bedarf, um sie uns zugänglich zu machen. Dabei ist die Übertragung aus dem Erfahrungsraum einer Sprache in eine andere immer mehr als buchstäbliche Übersetzung, sie ist immer auch Neuschöpfung. Der- oder diejenige, die sich dieser Herausforderung unterzieht, bewegt sich kontinuierlich an der Grenze zwischen zwei Welten, eine Grenze, die in beiden Richtungen überschritten werden muss.

In dem Wort des Übersetzers steckt das Bild des Über-setzens zu einem anderen Ufer: Je nach der Beschaffenheit des Flusses ist derjenige, der über-setzt, vor Überraschungen nicht gefeit. Auch das jeweilige Ufer birgt unbekanntes Terrain, das es erst zu entdecken gilt. In diesem Sinne sind Übersetzer mutige Reisende. Sie begeben sich auf eine ungewisse Fahrt, um uns neue Welten zu erschließen. Die Übersetzer der heute präsentierten Texte und Literaturen wollen wir in diesem Sinne nicht nur danken, sondern auch intensiv über ihre Transaktionen im Raum der Literaturen, über ihre Arbeit mit Texten inmitten der Literatur mit ihnen sprechen. Wie nähert man sich der komplexen Situation afrikanischer Gesellschaften, die geprägt sind von Nord-Süd-Asymmetrien, interner Gewalt, scharfen Grenzen zwischen Arm und Reich, aber auch einer globalen Bilder- und Musikwelt?

No Violet Bulawayo löst das Problem in „Wir brauchen neue Namen“, indem sie auf die Kraft der Sprache setzt, sich permanent neu zu erfinden. Dazu wählt sie die Kinderperspektive der zehnjährigen Darling und ihrer Freunde. In dieser Welt sind Begriffe und Bedeutungen noch nicht festgelegt. Das verleiht den Kindern eine Leichtigkeit und Souveränität, Sachen zu benennen und einen frischen neuen Blick auf die Welt ihrer Blechhütten zu werfen, einen Blick und einer Sprache, die sich vorschnellen moralischen Wertungen entziehen. Er gibt dem Leben in der kleinen, scheinbar peripheren Welt des Dorfes eine Würde, die sich gegen die Sehnsuchtsorte des Nordens im Verlauf der Geschichte behauptet.

Geht es bei Bulawayo um die spielerische Erfindung einer neuen Sprache, so wird dem Schiffbrüchigen in der Robinsonade Patrick Chamoiseaus die Sprache zur Behauptung der eigenen Existenz. Die Einsamkeit greift die Worte des Inselbewohners und damit seine Persönlichkeit an. Er verteidigt sich mittels Sprache. Er übernimmt aus einer Inschrift den Namen „Robinson Crusoe“ und „gurgelte den Namen viele Male, weinend, brüllend, kotzend, lächelnd, manchmal im Halbschlaf, in Anfällen von Irrsinn oder süßer Melancholie“ (S. 22).
Da er keine Geschichte hat, muss er sie sprachlich erfinden. Gegen die Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes hilft das Niederschreiben eines Textes. So gelingt Schritt für Schritt die Behauptung der Existenz.
Dabei bedient sich der Schiffbrüchige auch eines Buches, das er aus dem Wrack retten konnte, mit Texten von Parmenides und Heraklit. Schnell wird deutlich, dass hier jenseits der westlichen Zivilisation unter souveräner Handhabung ihrer Bruchstücke eine neue Welt gebaut wird, eine Welt jenseits von Kolonialismus und Postkolonialismus. Der Text, dessen Sätze nur durch Kommata und Semikolons getrennt sind, gleicht einem Bewusstseinsstrom, der diese neue Welt gebiert.
Diese Neugeburt der Welt ist den Akteuren des Romans „Sonnenschein“ von Daša Drndić verwehrt. Dazu sind sie zu tief in die Geschichte Mitteleuropas verstrickt. Das Epizentrum des Romans ist Gorizia ein Ort der Grenze, zunächst der Grenze zwischen Italien und Österreich-Ungarns, dann Italiens und Jugoslawiens. Aufgrund der Grenzlage konnte sich über die Jahrhunderte ein multikulturelles Leben entfalten, bis der Nationalsozialismus kam und es radikal auslöschte. Er brannte eine Leerstelle in die Erinnerung, die bis heute nicht wieder gefüllt werden konnte.

Drndićs Roman führt auf eindrucksvolle Weise die Herausforderungen vor, eine sprachliche Form für diese Erinnerung zu finden. Konsequenterweise verzichtet sie auf die Position des auktorialen Erzählers. Dagegen setzt sie eine Suchbewegung, die unterschiedliche Fragmente erschließt. Neben fiktionalen Stellen eines Romans erscheinen Gedichte über die Schoa, individuelle Leidenstexte von Opfern aus Treblinka, Täterprofile und Fotos aus gefundenen Alben.
Das Zentrum des Buches wird durch eine Namensliste definiert, von „ungefähr neuntausend Juden, die aus Italien oder aus von Italien besetzen Ländern zwischen 1943 und 1945 deportiert oder dort ermordet wurden“ (S. 149). Die Maßlosigkeit des Verbrechens ist in seiner Totalität nicht wirklich verstehbar, wir können uns ihm immer nur in erneuten Fragmenten annähern. An die Stelle des einmaligen Erfassens tritt die wiederholte Suchbewegung, um aus der Geschichte Sinn für das heutige Leben zu gewinnen.

Eine ähnliche Suchbewegung stellt auch der Roman Gilbert Gatores dar. Es ist der Versuch, wie der Titel „Lärmendes Schweigen“ bereits sagt, nicht vor der Sprachlosigkeit eines Geschehens zu kapitulieren, das die normale Vorstellungskraft übersteigt, nämlich des Völkermordes in Ruanda im Jahr 1994. Während Drndić das Geschehene für die Erinnerung der heutigen Gesellschaft zurückgewinnen will, stellt Gatore die Frage, wie ein Leben für Täter und Opfer nach einem solchen Verbrechen überhaupt noch möglich ist. Wählte Drndić die Form der Fragmentierung, produziert Gatore Widersprüche, die dem Leser eine zu schnelle Beurteilung des Geschehens verbauen.
Der Täter ist nicht nur grausamer Mörder, sondern erscheint als ein junger, durchaus sympathischer Mann mit einer überbordenden Fantasie. Letztendlich ist er aber eine literarische Erfindung der Tochter von Opfern. Diese bricht nicht unter ihrem Leid zusammen, sondern nähert sich der Täterseite über einen fiktionalen Text an. Gatore führt hier den Versuch einer Frau vor, die Opferrolle zu überwinden und über das Schreiben wieder das Subjekt ihrer eigenen Geschichte zu werden.

Viele der diesjährigen Geschichten spielen an den Rändern der großen Geschichte, die sie aus dieser Perspektive spiegeln. So auch der Roman „Aquarium“ von Krisztina Tóth. Er führt uns in eine geschlossene Welt im Nachkriegs-Ungarn. Es ist eine Welt voller Armut, der die Protagonisten nicht entkommen können. Die Dinge des täglichen Lebens umstellen sie in ihren engen Räumen, so dass sie kaum noch atmen können. In dieser Welt, die scheinbar von der Geschichte vergessen wurde, bewegen sich Debile und Käuze, deren Charaktere wiederum von Tóth so liebevoll gezeichnet werden, dass da ein Leben jenseits aller Normalen in seiner Fülle und Andersartigkeit sichtbar wird.

Die Geschichte von Außenseitern, ja Verrätern, fasziniert auch Amos Oz. In seinem Judas-Buch, das in den späten 50er Jahren des letzten Jahrhunderts spielt, verwebt er die Geschichte von Judas mit der von Schealtiel Abrabanel, einem zionistischen Führer. Der eine wird in den Augen der Christen zum Verräter an Jesus, der andere scheint, weil er an ein Zusammenleben von Arabern und Juden glaubt, den Staat Israels zu verraten. Gefährden die Verräter in den offiziellen Narrationen die großen Ideen und Führer, so dreht Oz die Perspektive um, indem er fragt, ob die Verräter nicht einfach ihrer Zeit voraus sind. Er zeichnet Judas als den Jünger, der am meisten an Jesus glaubte und ihn deshalb durch seinen Verrat erst zu der Figur machte, die in Form des Christentums Geschichte schrieb.

Schiffsbrüchige, Kinder in Wellblechhütten, Debile und Verlorene, Verräter und Opfer. Die diesjährigen Geschichten erzählen unsere Welt von den Rändern und treffen doch ihren Kern. Sie führen vor, wie sich das Leben gegen die Gewalt behauptet, der es tagtäglich ausgeliefert ist. Es ist ein Leben in den Zwischenbereichen der offiziellen Realitätskonstruktion, dessen Brüchigkeit sichtbar, dessen ausgeblendete Tiefenschichten erfahrbar werden.
Für die Erschließung dieser anderen Welten danken wir den Autoren und Übersetzern der diesjährigen Shortlist.

Und wir freuen uns auf die nun folgenden Lesungen und Diskussionen, auf unsere Lange Nacht der Shortlist. Ich wünsche anregende Diskussionen, Einblicke und Hörerlebnisse, kurzum: ein genüssliches Lesefest!

Berlin, Haus der Kulturen der Welt
8. Juli 2015