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Kuratorisches Statement

Wer von Freiheit spricht, spricht zunächst von einem ideologischen Fluchtpunkt, der in den vergangen Jahrzehnten zu einem zentralen Ideologem der westlichen Demokratien geworden ist. Bis heute wird der Begriff der Freiheit zur Beurteilung politischer Situationen und Handlungen herangezogen, aber auch um Zigaretten oder Autos zu verkaufen. In der Musik wird der Begriff hingegen oft dazu verwendet, um sich von den normativen Zwängen der politischen Systeme abzusetzen. So steht im Mittelpunkt von Free! Music auch zunächst jene Dichotomie zwischen dem emanzipatorischen Impuls von Musiker*innen einerseits und der Ideologisierung des Freiheitsbegriffs durch die Politik andererseits. Ein besonderes Augenmerk fällt dabei auf die Befreiungsbewegung in Südafrika seit den 1960er-Jahren, als vor allem der Jazz zu einem wichtigen Projektil im Kampf gegen die Apartheid wurde. So sind die Protagonist*innen dieser Bewegung wie die Blue Notes und Louis Moholo-Moholo ein wichtiges Zentrum des Free! Music-Programms. Gleichzeitig lassen sich aus dieser spezifischen musikalisch-politischen Bewegung viele weitere musikalische Entwicklungen herleiten, darunter die Selbstermächtigung der Egyptian Females Experimental Music Session und der kongolesisch-belgische Rapper Baloji, der Musik als ein Medium für Kritik und Protest versteht. Ähnlich verhält es sich mit Musiker*innen, die unter den Bedingungen einer latent repressiven Ästhetik in den real-sozialististischen Staaten arbeiten mussten.

Eine zweite zentrale Denkfigur ist die der musikalischen Revolution, also der Impuls, sich von den Konventionen einer Kunstform zu befreien. In der Moderne ist diese Form der Freiheit lange Zeit mit Innovation und Fortschritt gleichgesetzt worden. Im Rückblick wirken die emanzipatorischen Tendenzen aber letztlich dort am nachhaltigsten, wo sich Musiker*innen vollständig von den großen, linearen Erzählungen der Musikgeschichte abnabeln und sich radikal vom Musikleben abkoppeln. In der jüngeren Musikgeschichte sind die Arbeiten von Harry Partch und Conlon Nancarrow zu wichtigen Beispielen eines solchen Außenseitertums geworden. Partch, der sich mit dem westlichen Tonsystem nicht zufrieden geben wollte, und Nancarrow, der sich mit den Befindlichkeiten seiner Interpret*innen nicht abgeben wollte, haben eine eigene musikalische Kunstform entwickelt, die wir heute um ihrer Visionen willen bewundern. Hierher gehören auch viele andere Versuche, sich von Konventionen loszusagen, darunter jene Gruppen, die, wie Lautari aus Polen und El Ombligo aus Kolumbien, die Idee von Folk aus den Angeln heben und um Elemente anderer Genres bereichern. Musikalische Freiheit findet außerdem dort ihren Ausdruck, wo voraussetzungslos musiziert wird. Hier hat der Free Jazz und die freie Improvisation, aber auch das offene Prinzip der musikalischen Grafik viel zur Emanzipation der Musiker*innen und der Musik beigetragen.

Schließlich ist der Begriff „frei“ auch ein ökonomischer. Die Idee des Kostenlosen, einst von Jacques Attali als ein Grundprinzip des Musikalischen und als eine seiner Errungenschaften erkannt, ist gleichzeitig eine Bedrohung der Arbeitsbedingungen von Künstler*innen. Die Idee des bezahlten Hörens, wie Johannes Kreidler sie in Earjobs umsetzt, und die Idee der Library Music, die Stimmungen und Situationen akustisch untermalt, ohne als künstlerisch eigenständig auch verwertet zu werden, deuten diese Bedeutungsebene des Freien in der Musik an.

Letztlich liegt jedem musikalischen Akt eine emanzipatorische Geste zugrunde, der Wunsch des Subjekts nach Ausdruck, die Vorstellung sich durch Musik über das Bestehende hinwegsetzen zu können. Wo heute die Idee von Freiheit im Politischen infrage gestellt wird, wo politische Bewegungen andere Ziele in den Vordergrund stellen und die Grundrechte der Zivilgesellschaft unterwandern, wird die Idee der künstlerischen Freiheit zu einem wichtigen Korrektiv gesellschaftlicher Entwicklungen. Der Zusammenhang zwischen Meinungsfreiheit und künstlerischer Freiheit, aber auch die politische Vereinnahmung von Kunst, sind im Rahmen von Free! Music wichtige Dispositive, die die Musik diskursiv begleiten. Leitend ist dabei der Blick auf die Ideale der Aufklärung, die im 20. Jahrhundert immer wieder infrage gestellt worden sind, und die Moderne, die ihre Versprechen längst nicht hat einlösen können.

Detlef Diederichsen und Björn Gottstein