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Künstlerisches Statement

Paris Calligrammes bezeichnet die Stadt, in der ich als junge Malerin in den 1960er Jahren lebte, und steht zugleich für eine Bilderschrift, die Texte in visuelle Figuren übersetzt. Guillaume Apollinaire, damals wie heute eines meiner künstlerischen Vorbilder, war mit seinem Gedichtband Calligrammes. Poèmes de la paix et de la guerre (Gedichte vom Frieden und vom Krieg) Namensgeber eines kleinen Buchladens in Saint-Germain-des-Prés, von dem aus ich Paris erkundete. Beim Flanieren durch die Stadt überlagerten sich die reale Topografie der Straßen, Quais und Plätze mit ihren Spuren der französischen Dekolonialisierung, des Algerienkriegs und der Studentenrevolte von 1968 mit meiner imaginierten Stadt der bildenden Künste, der Musik und Literatur.

Paris Calligrammes ist der Titel eines Filmes, in dem ich meinen Wegen von der Librairie Calligrammes, dem Treffpunkt der zurückgekehrten deutschen Emigranten und französischen Künstler und Intellektuellen, zu den berühmten Museen und versteckten Künstlerateliers, von den Cafés der Existenzialisten zur Cinématèque française folge, in der ich meine Begeisterung für das Kino entdeckte. Die Zeit bis 1969, als ich die Stadt wieder verließ, wurde für mich persönlich zu einer der prägendsten Phasen und war zugleich auch zeitgeschichtlich eine Epoche der geistigen, politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Ich war mit dem festen Plan, eine große Malerin zu werden, nach Paris gekommen. In meiner Euphorie wollte ich alles Erlebte sofort künstlerisch umsetzen. Die Frage war: wie? Genau diese Frage stelle ich mir jetzt, gut fünfzig Jahre später: Wie erzähle ich die Geschichte einer sehr jungen Künstlerin, an die ich mich erinnere, mit der Erfahrung einer älteren Künstlerin, die ich jetzt bin.

Paris Calligrammes ist meine ins Räumliche übersetzte persönliche Erinnerungslandschaft dieser Zeit. Fotos, Filme, Zeitungsausschnitte, Töne und Musiken sind zu einer dichten Assemblage von Gedächtnissplittern montiert. Ihre Einbettung in eine aus weichen Textilien geformte Stadtstruktur erzählt von den Veränderungen, die Vergangenes auf dem Weg des Erinnerns erfährt. Straßen mit in Stoffcollagen übersetzten Pop-Gemälden, in denen ich mich mit Krieg und Konsumkultur auseinandersetzte, weisen den Weg zu Räumen, die wichtige Fixpunkte für mich waren: Mit Fritz Picard, dem Buchhändler der Librairie Calligrammes, und Walter Mehring, dem scharfzüngigen Exilanten, treten Sie in meine Pariser Welt der Bücher ein. Im Parc Colonial treffen Sie auf die Spuren französischer Kolonialgeschichte oder Sie folgen Pierre Bourdieu und Ré Soupault auf ihre prekären Reisen nach Algerien und Tunis. Wo immer Sie Ihre kleine Flanerie beginnen oder beenden, eines dürfen Sie nicht verpassen: In den Straßen um die heutige Gare du Nord können Sie im besten Friseursalon des Viertels der Kunst des Haare-Flechtens zuschauen; ihre Ergebnisse sind ebenfalls moderne Figurengedichte, in denen sich Geschichte und Gegenwart, Kunst und politisches Statement kondensieren.

Treten Sie also ein in mein Paris der 1960er Jahre, das mir damals zu einem ersten Haus der Kulturen der Welt wurde.

Ulrike Ottinger