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Sa, 02. Dezember 2017

Chance

© Sascha Pohflepp & Chris Woebken | Quarterspin aus The House in the Sky, 2015

© Sascha Pohflepp & Chris Woebken | Quarterspin aus The House in the Sky, 2015

Die menschliche Kultur war schon immer eine Kultur des Umgangs mit Zufall. Praktiken der Wahrsagung dienten Jahrtausende lang als Puffer zwischen Gesellschaften und den sie umgebenden Ökosystemen. Methoden der Voraussage und Prophezeiung kamen vielfach zum Einsatz, sei es beim Anbau von Nahrung oder der räumlichen Orientierung. Mit der Etablierung von rechnerischen Methoden der Spieltheorie, Computersimulationen und Planungsszenarien um 1948 wird eine neue Art der Zufallspraxis funktionsfähig. Seither sind hochwertige (Pseudo-)Zufallszahlen unerlässlich, um komplexe Verfahren wie die Konstruktion von Atomwaffen, Bevölkerungsplanung und Klimasimulationen zu berechnen. Worin liegen die Unterschiede und Ähnlichkeiten dieser beiden Einsatzformen von Zufallsinstrumenten für die Prognose? Chance erkundet den Zufall und damit ein eher unbekanntes, jedoch essenzielles Element der Technosphäre und seine Phänomene. Am Ende steht ein spekulativer Ausblick, in dem das Jahr 2017 bereits Geschichte ist.

Programm in Zusammenarbeit mit Sascha Pohflepp, visuelle Gestaltung von Tea Palmelund, programmiert von Archive Studio, London

19.45h
Katrina Burch aka Yoneda Lemma, Giuseppe Longo, Inigo Wilkins
Noise Floor
Performance, Gespräch

Damit etwas als Zufallsereignis wahrgenommen wird, muss es einen Unterschied zwischen Bedeutung und Störung, zwischen Signal und Rauschen geben. Wie aber differenzieren wir die Struktur des Undifferenzierten? Ein Soundexperiment von Katrina Burch aka Yoneda Lemma führt ein in die Welt des stochastischen, also vom Zufall beeinflussten Rauschens. Die klangliche Intervention steht im Zentrum eines Gesprächs mit Inigo Wilkins und Giuseppe Longo: Sie bildet die kosmologische Grundlage, um das Muster des Zufalls selbst nachzuzeichnen, jene chaotischen Konturen, die aus dem Feedback miteinander konkurrierender technischer Strukturen entstehen.

20.30h
Nahum, Josh Berson, Seth Bullock, Helena Shomar
A Million Random Digits
Performance, Gespräch

Existieren Chaos und Desorganisation tatsächlich an und für sich? Oder sind sie nur ein Produkt bestimmter Tools und Modelle zur Vorhersage bestimmter Ereignisse und Prozesse? Ist der Zufall vielleicht gar eine Maskierung der „unerwünschten“ Anteile einer Welt, die zu komplex ist, als das man sie verstehen könnte? Ausgehend vom Buch A Million Random Digits der Research And Development Corporation (RAND) wird die Nutzung von Zufallsprozessen in verschiedenen Kulturen diskutiert. Der Performancekünstler Nahum inszeniert eine rituelle Lesung der RAND-Zufallszahlen zusammen mit dem Anthropologen Josh Berson, der den gezielten Einsatz von Feuer in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten untersucht. Im Anschluss sprechen Nahum, Seth Bullock und Helena Shomar über die Instrumente des Zufalls und den Übergang von einer Kultur der Steuerung zu einer Kultur, die sich mit dem Zufall arrangiert.

21.30h
Elena Esposito
Rational Divination
Präsentation

Algorithmische Prognosen unterscheiden sich grundsätzlich von der Idee der Vorhersage, wie sie moderne Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert kennen. Während in der Moderne die Zukunft als offen und unbekannt aufgefasst wurde, implizieren prädiktive Algorithmen die Möglichkeit, die Zukunft vorab zu kennen. Gleich moderner Hellseherei adressiert auch die algorithmische Prognose weder den Durchschnitt noch allgemeine Trends, sondern versucht sich in exakten Hinweisen auf die Zukunft eines einzelnen Ereignisses, in die sie unmittelbar eingreift. Die Soziologin Elena Esposito spricht über diese Aspekte der prädiktiven Logik und diskutiert die riskanten Formationen der Kausalität, auf der die algorithmische Prognose aufbaut.

22h
Benjamin H. Bratton, Katrina Burch aka Yoneda Lemma, Luis Campos, Elena Esposito, Alexander R. Galloway, Oscar Guardiola-Rivera, und Orit Halpern
2048, According to Chance
Kollaborative Spekulation

Wir schreiben das Jahr 2048. Die Technosphäre hat sich entwickelt – in viel radikalerer Weise als sie es zwischen 1948 und 2017 tat. Und so entwickelte sich auch die Beziehung des Menschen zum Zufall. Während Biotechnologie zum Mainstream wurde, wurde die Arbeit an Lebensformen alltäglich. Im Rückblick auf das Jahr 2017 fragen wir uns: „Wie kamen wir an diesen Punkt?“ Das performative Gespräch entfaltet ein spekulatives Szenario, das die Beitragenden auf Basis von individuellen Prognosen, Träumen, Hoffnungen und Ängsten entwickeln. Welche Anzeichen für eine solche Welt waren schon damals, im Jahr 2017 erkennbar? Was bedeutet der Blick zurück auf die Gegenwart? Was lehrt uns die Geschichte der Futurologie für den Blick nach vorn?

Informationen zu den Beitragenden