Mo, 17. Juni 2019

#1 Translating

Mit Ranjit Hoskoté, Lydia H. Liu, Sigrid Weigel, moderiert von Boris Buden

Ludwig Leo, Laborschule Bielefeld (Entwurf, Ausschnitt), 1971 | Ludwig-Leo-Archiv in der Akademie der Künste, Berlin, Nr. 5 Bl. 10.

Ludwig Leo, Laborschule Bielefeld (Entwurf, Ausschnitt), 1971 | Ludwig-Leo-Archiv in der Akademie der Künste, Berlin, Nr. 5 Bl. 10.

Heutzutage wird immer mehr übersetzt, jedoch in immer weniger Sprachen. So führt Übersetzung zur Homogenisierung, statt ein Leben in Vielsprachigkeit zu ermöglichen. Die erste Ausgabe der Veranstaltungsreihe der New Alphabet School untersucht, wie sich technologische Entwicklungen auf die Zukunft linguistischer Diversität auswirken: Wie wirken die Politiken des Übersetzens? Lässt sich Übersetzung einsetzen als Mittel des Widerstands in globalen technologischen Infrastrukturen? Welche Formen der Übersetzung bringt die Digitalisierung hervor? Sind wir bereits selbst zur künstlichen Intelligenz geworden, die der Übersetzung bedarf?

Moderiert von Boris Buden

Tag 1 | Tag 2

Übersetzung, Anamnese, Widerstand
Ranjit Hoskoté, Dichter und Kurator

Übersetzung spielt heutzutage eine entscheidende, geradezu unverzichtbare Rolle. Das gilt insbesondere in Kontexten, in denen die linguistische Praxis nicht nur mit den oftmals – aber nicht notwendigerweise – verflachenden und universalisierenden Effekten der digitalen Kultur konfrontiert ist, sondern – und das ist gefährlicher – mit einer Politik, die in durch Diversität und Vielsprachigkeit geprägten Nationalstaaten einen einheitlichen und zentralistischen Begriff von Kultur durchsetzt. In seinem Vortrag diskutiert Ranjit Hoskoté die Frage, wie in solchen Kontexten das Übersetzen die Funktion einer Anamnese übernehmen kann: eine Weigerung zu vergessen; eine Rückbesinnung auf abweichende Erinnerungen und auf kritische Selbstbefragungen, die in unterschiedlichen Sprachen codiert sind; eine Weigerung, auf flache Standards reduziert zu werden; eine Weigerung, die untergeordnete und falsche Rolle des Dialekts im Verhältnis zur offiziell anerkannten Sprachversion zu akzeptieren. In der Übersetzung zeigt sich die Sprache als das entscheidende Schlachtfeld im Krieg um die Geschichte.

Jabberwocky Nonsense: The Place of Meaning in Translation
Lydia H. Liu, Literaturwissenschaftlerin

Die konzeptuelle und technologische Revolution digitaler Medien stützt sich vor allem auf eine der ältesten überlebenden Technologien der Welt: die alphabetische Schrift. Mit diesem Merkmal bringt sie die alphanumerische Koevolution, Poesie und andere menschliche Innovationen in den Fokus. Der Vortrag untersucht die Grenze zwischen Sinn und Unsinn durch mehrere Sprachen hindurch um die Frage nach Bedeutung in der Übersetzung wiederaufzunehmen. Ausgehend von der radikalen Vielheit des Originals, von der Lücke zwischen Wort und Buchstabe sowie von der stochastischen Ordnung von Buchstaben/Zahlen, die von der modernen Mathematik entdeckt wurde, fordert Liu das bekannte Modell von Übersetzung heraus: vor allem das theologische Modell, aber auch das Kommunikationsmodell und das hermeneutische Modell um die ihnen zu Grunde liegende Vorannahme von Übersetzbarkeit und Unübersetzbarkeit in Frage zu stellen.

Selbstübersetzung. Zwischen Kleiner Literatur, Bilingualismus und Nachträglichkeit
Sigrid Weigel, Literaturwissenschaftlerin

Es gibt verschiedene Konzepte der Selbstübersetzung – wie Rewriting, Reenactment, Reproduktion – im Translation-Diskurs der letzten Jahrzehnte, wobei die „kulturelle Übersetzung“ zur Meistertrope geworden ist. Dadurch hat sich der Akzent weg vom Exil und hin zu Migration und Bilingualismus verschoben. So sind die Übersetzungsarbeit selbst und der Blick auf mögliche sprachhegemoniale Zusammenhänge in den Hintergrund geraten, ebenso wie die Frage, ob der zu übersetzende Text in der ersten oder zweiten Sprache geschrieben wurde. Was passiert, wenn Autor*innen sich selbst übersetzen? Welche Unterschiede gibt es zwischen diskursiven und poetischen Texten? Was macht die Nachträglichkeit der Selbstübersetzung mit dem Schreiben? Weigel diskutiert das Unbehagen an der Selbstübersetzung in „kleinen Literaturen“, die emblematische Figur des „translated man“, das Echo der Übersetzung und das Gespenst des „Originals“, geht in Bezug auf Yoko Tawada ein auf die Exophonie an der Schwelle zwischen Piktogramm und Alphabet und thematisiert mit Hannah Arendt das Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten einer Übersetzung ohne Original.