Vorträge, Diskussion

#Feralizing: Tag 1

Do 9.6.2022
Domy Towarowe-Zentrum, Warschau
Eintritt frei
Sebastian Münster, Edition von 1570 der Karte der Meeresungeheuer

Verwildern kann nur was zunächst vom Menschen domestiziert wurde, dann jedoch außer Kontrolle geriet und nicht mehr zu bezähmen war. Das Wilde kann chaotisch sein und unbändig, ein unreines Areal zwischen natürlich und künstlich, Technologie und Imagination, Wissenschaft und Kunst. Menschen und nichtmenschliche Tiere, Ökologien, Effekte und Prozesse, aber auch Theorien können in diesem Sinn verwildern. Alle diejenigen, die sich nicht in einer desolaten Lage befinden, werden sich wohl kaum für den Zustand dieser Wildnis entscheiden. Denn er ist oft von Gewalt, Isolation und Unsicherheit geprägt. Aber ist die politische, ökologische und soziale Gegenwart nicht weitgehend in einem desolaten Zustand? Für diese Ausgabe der New Alphabet School versammeln sich moderne Hexen, Künstler*innen, Stadtgärtner*innen, Geschichtenerzähler*innen und Ausreißer*innen. Sie erkunden diese multidimensionalen Räume in Vorträgen und Workshops, um herauszufinden, wie sich wilde Kartografien als befreiende Wirrungen ansprechen, erschaffen und nutzen lassen. Lässt sich eine wilde Spiritualität praktizieren, obwohl Verbindungen zu bestimmten Traditionen verloren sind? Wie über wilde Dinge sprechen, wenn sie nicht Teil etablierter Kategorien sind? Können die eigenen Gedanken verwildern?

Kuratiert in Kooperation mit Agata Kowalewska und Jacob Eriksen

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Donnerstag, 09.06.

18h
Begrüßung
Mit Julia Hanske, Pawel Wodzinski und Olga Schubert
Auf Englisch

18.15h
Einführung
Von Agata Kowalewska und Jacob Eriksen
Auf Englisch

18.35h
Warschau verwildern
Filmische Erzählung von Joanna Rajkowska
Auf Polnisch mit englischer Simultanübersetzung

Ein großer, orangefarbener Fisch berührt sacht eine Mauer in einem Wasserbecken auf dem Grzybowski-Platz im ehemaligen Warschauer Ghetto. Hier hat die Künstlerin Joanna Rajkowska ihre Installation Oxygenator errichtet. An das Bild des Fisches dachte sie, als das Thema Feralizing – Verwildern – an sie herangetragen wurde. An dem historischen Ort, wo die Mauer des Warschauer Ghettos ehemals Teil der Trennung und Ordnung durch die Nazis war, bildet das Wasser auf natürliche Weise einen eigenen Lebensraum aus, einen neuen Kosmos, der alle Bestandteile dieses Ortes enthält und sich einverleibt, einschließlich der Mauer. Fische kommen neugierig näher und schwimmen wieder davon, untersuchen die Mauer, schauen sie an und schreiben ihre Fischigkeit den menschlichen Erinnerungen ein, die die Mauer in sich trägt. Was wird der Rabbi dazu sagen? Was werden die Denkmalpfleger*innen sagen? Werden sie den Fischen erlauben, mit den historischen Relikten zu spielen? Die filmische Erzählung zeigt Ausschnitte aus diesen unheimlichen Begegnungen zwischen menschlicher Materie – etwas, das mit menschlichem Sein und Tun aufgeladen ist – und den Lebensräumen, die diese Materie enthalten. Die Verwobenheit des einen mit dem anderen erzeugt eine andere Zeitempfindung und eine fast ungreifbare Krümmung des Raums innerhalb der Vision von menschlicher Gegenwart auf diesem Planeten.

19h
Überleben in Notsituationen
Vortrag von Nikita Kadan
Auf Englisch

In Zeiten des systematischen Massenmordes an den Ukrainer*innen durch die Russische Föderation haben sich das Empfinden, das Denken und die Existenzweisen der Menschen grundlegend verändert. Die Überlebensstrategien in den vom Krieg verwüsteten Gebieten beeinflussen alle Arten von Beziehungen: zwischen Menschen, zwischen Menschen und dem Nicht-Menschlichen, zwischen dem Lebenden und dem Künstlichen, dem Ortsgebundenen und dem Nomadischen. Sie verwandeln sich in „überlebende Hybride“, die sich neu erfinden, um zu überleben, um zu bleiben, um nicht ausgelöscht zu werden. Jedes Kriegsgebiet ist ein Laboratorium der Innovation, eine Art Spielplatz und auch eine Schule, in der die Menschen lernen, sich fortwährend zu verändern. Die Notwendigkeit zu überleben erzeugt Kreativität.

19.20h
Entweltung: Eine Ästhetik des Zusammenbruchs
Vortrag von Jack Halberstam
Auf Englisch

Wie können Begriffe wie Mensch, Subjekt, Objekt oder Tier aus ihren hierarchischen Ordnungen herausgelöst werden? Wie können sie neue Sinnstrukturen und Beziehungen zueinander bilden? Die großen philosophischen Traditionen des letzten Jahrhunderts gehen von einer Totalität der Dinge aus, einer Form des Seins, die auf der Grundlage der Trennung von Subjekten und Objekten, von Objekten und Dingen sowie von Dingen und unsichtbaren Kräften entsteht. Und während „Welt“ und „Leben“ Vektoren für utopisches Denken zu sein scheinen („eine andere Welt ist möglich“), beruhen diese totalisierenden Konzepte auch auf Anti-Schwarzsein und auf der Erhebung des Menschlichen über alle anderen Lebensformen. Anstatt auf neue Welten, revitalisierte Vorstellungen vom Leben oder neu gestaltete utopische Träume zu setzen, geht dieser Vortrag von der Prämisse aus, dass die Erschaffung neuer Welten, so wie sie gegenwärtig konzipiert ist, nur auf dem Weg der Entweltung oder der Abschaffung der Welt erfolgen kann. Der Vortrag folgt einer Reihe von ästhetischen Experimenten von den 1970er Jahren bis heute, die in Zusammenbruch, Zerstörung und Ruin schwelgen.

19.45h
Diskussion und Q&A
Moderiert von Agata Kowalewska und Jacob Eriksen
Auf Englisch

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