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Leseprobe: Aquarium

Krisztina Tóth | György Buda

Krisztina Tóth: Aquarium
Aus dem Ungarischen von György Buda | Akvárium
Nischen Verlag 2015 | Magvető Kiadó, Budapest 2013

„Das Edulein brauchst du nicht anzusprechen, das Edulein kommt gut allein zurecht“, sagte Tante Edit über ihre eigene Schwester, von der sie wie von einem großen, zahmen Haustier sprach. Vera war überrascht, als sie sah, dass jenes Edulein eine Frau war; solange sie sie nicht gesehen hatte, hatte sie immer gedacht, das sei ein junger Mann, ein Brillenträger. Die Tante erwähnte sie nämlich oft, und immer nur als „das arme Edulein“. Das arme Edulein schläft schlecht, das arme Edulein hat sich auf dem Heimweg vom Fleischer wieder verirrt.

Als sie das erste Mal miteinander nach Hause gingen, hatte ihr die Tante ans Herz gelegt, alle Leute zu grüßen, und dann, als sie im ersten Stock ankamen und auf den Gang einbogen, seufzte sie: „Und da ist auch das Edulein.“

Vor der Wohnungstür hockte eine Frau unbestimmbaren Alters mit aufgedunsenem Bauch und Augengläsern, die Füße in ihren klobigen, hohen Schuhen hatte sie gegen das eiserne Geländer gestemmt. Sie blickte nicht auf unter ihren Haaren, die ihr das Gesicht verdeckten, sie begrüßte die Ankömmlinge nicht, sie rauchte mit geschlossenen Augen weiter. Neben ihrem Schemel stand auf dem Boden ein runder Aschenbecher mit verschließbarem Deckel. Später grummelte die Tante oft, dass Edu diesen Aschenbecher nie ausleerte, doch jetzt stieg sie nur darüber und führte das Kind in die Küche.

„Hier wirst du wohnen“, sagte sie zu Vera und warf die Einkaufstasche auf den Tisch.

Onkel Jóska, der zu dieser Zeit noch im Nachbarhaus Schach bei der Familie Lantos spielte und der nach den Schachpartien ausgesprochen nach Speck roch, war von der Adoption gar nicht entzückt. Seine Frau hatte ihm einmal das ausgewählte Mädchen über den Zaun gezeigt, und er verzweifelte bei dem Gedanken, für das abgezehrte kleine Wesen Verantwortung übernehmen zu müssen. Es war hässlich, hatte abstehende Ohren und knochige Knie. Es lief nicht mit den anderen umher, es stand nur da in der Mitte des gepflasterten Hofes. Er hatte kein gutes Vorgefühl, was dieses Kind betraf. Sie hätten für seine Unterbringung wohl eine gewisse Beihilfe bekommen, doch hatten sie in der Zimmer-Küche-Wohnung auch so kaum Platz. Ihm reichte die blöde Edu, die auf der Schwelle saß, warum sollte er sich noch eine Sorge aufhalsen?

Seine Frau arbeitete im Heim in der Küche, sie schleppte die großen Aluminiumtöpfe, dort hatte sie dieses Mädchen aus dem Fenster gesehen und sie ausgewählt. Von Zeit zu Zeit brachte sie ihm eine Kleinigkeit, Brotrinden, Rüben. Vera nahm die Sachen an, aß sie und guckte weiter in die Luft. Als sie einmal kahl geschoren in der Küchentür auftauchte, erkannte die Tante sie gar nicht. Wie sich herausstellte, grassierten Läuse unter den Kindern. Die Pflegerinnen putzten die Köpfe zwei Wochen lang mit feuchter Watte, auf Kämme aufgezogen, doch dann hatten sie genug vom Gewinsel und von den Polsterüberzügen voller Nissen und schoren die Kinder alle mit der Maschine kahl. Vera sah so traurig aus, dass die Tante vor Schreck die Hände zusammenschlug. Sie unterhielten sich das erste Mal überhaupt, eigentlich war das Mädchen das erste Mal bereit, zu antworten. Es hatte nicht den Anschein, dass es sich besonders freute, doch als die Tante am Ende ihrer Schicht nach Hause ging, stand es am Drahtzaun und winkte.

Zweimal waren sie spazieren und einmal unten in der Stadt, und beim dritten Mal sagte man der Frau, sie dürfe das Kind auf eine Probewoche mit nach Hause nehmen, wenn sie wollte, die Papiere seien erledigt.

„Du wirst ein eigenes Nachthemd haben. Wenn du dann größer bist, lassen wir dir ein Kleid nähen. Ich habe einen Kleiderstoff für dich.“

Vera konnte beim Spaziergang an nichts anderes denken als an das eigene Nachthemd. Im Heim mussten sie sich aus einem gemeinsamen Haufen ein sauberes Nachthemd herausziehen, und bis sie drankam, waren nur noch zerrissene übrig oder riesige, die ihr bis an die Knöchel reichten.

Als sie nun angekommen waren und die Tante abgeladen hatte, wollte sie gleich nach dem Nachthemd fragen, doch sie getraute sich nicht. Die Tante stellte in einem großen Topf Wasser auf und zeigte ihr dann das Zimmer.

Hinten an der Wand stand ein hohes Doppelbett, daneben ein ovaler Toilettenspiegel und ein großer Schleiflackschrank. Die Tante erzählte ihr, dass der Onkel Jóska sich im Krieg einmal in diesem Bett versteckt hatte, damit man ihn nicht mitnahm. Vera wagte nicht zu fragen, wohin man ihn mitnehmen wollte und wie er Luft bekam, wenn er nun einmal ganz zugedeckt war. Wenn sie sich hätte verstecken müssen, wäre sie lieber in den Schrank geklettert, doch sie sagte nichts. Sie hatte es sich längst abgewöhnt, etwas verstehen zu wollen oder sich mit Fragen in der verworrenen, erschreckenden und unberechenbaren Welt der Erwachsenen zu orientieren. Sie nahm es zur Kenntnis, dass dieses das Zimmer und jenes die Küche ist, das ist das große Bett, ihr neuer Platz, hier wird sie zwischen Onkel Jóska und der Tante schlafen und die Edu draußen in der Küche auf der Couch.

Während die Tante alles wegräumte, setzte sich Vera an den Tisch mit der Schublade. Sie hätte gern in die Lade geschaut, doch wartete sie ab, bis die Tante das Wachstuch zurückschlug und selbst die Lade herauszog, um ein Messer herauszunehmen. Es war schweres Alpacca-Essbesteck darin und Spagat, sonst nichts.

Die Tante hatte allerlei auf dem Tisch vorbereitet, dann sagte sie dem Kind nur noch, es möge hier geduldig warten, sie würde gehen und den Alten suchen, weil das doch nicht angehe, dass er sogar heute Nachmittag nicht zu Hause sei.

Sie schloss die Tür hinter sich, stieg über die reglose Edu, dann schleppte sie sich die Treppe hinunter. Kaum war sie durch das Haustor gegangen, klopfte jemand. Vera stieg vom Hocker herunter und öffnete die Tür. Auf dem Gang stand ein groß gewachsener Fremder, der sagte, er habe die Gans gebracht, die sei aber noch nicht fertig. Die Gans, die nicht fertig war, schien doch recht lebendig zu sein, unter dem Arm des Mannes beäugte sie Edu, dann erblickte sie Vera und musterte sie. Der Mann stellte die Gans auf den Boden, dann schloss er energisch die Tür und rief dem Kind noch vom Gang zu, es möge mit der Gans aufpassen, denn die würde zwicken.

Die Gans war tatsächlich ziemlich beängstigend. Erst watschelte sie zum Küchentisch, dann reckte sie den Kopf vor und zischelte wie eine Schlange. Das Mädchen umrundete vorsichtig den Tisch und stahl sich zur Zimmertüre, doch als sie sie öffnete, floh die Gans mit unerwartet heftigem Geflatter in den Raum.

Drinnen machte sie den Eindruck, sich ein wenig beruhigt zu haben. Sie watschelte vorwärts bis zum Toilettentisch, dann zurück zum Schleiflackschrank. Dort angekommen schien sie dunkel zu ahnen, dass sich noch eine Gans hier im Zimmer aufhielt, denn sie fixierte interessiert die lackierte Tür. Sie schnatterte ein paar Mal, dann wandte sie sich um und erblickte im ovalen Spiegel endlich diese andere Gans, die sich versteckt hatte. Die nicht fertige Gans bewegte den Kopf auf und ab, und als das Mädchen sich hinter ihr verdrücken wollte, um in die Küche zu gelangen, begann sie wieder zu flattern und zu zischen.

Vera erschrak so sehr, dass sie sich auf einen Hocker rettete. Die Gans warf einen Blick auf den großen Weitling und das Messer, das auf dem Tisch vorbereitet war, und als wären ihr die Zusammenhänge klar, strebte sie entschlossen auf die Tür zu. Sie deutete an, ihren kurzen Besuch beendet zu haben und sich nun beizeiten zu entfernen wollen.

Da öffnete Edu, die um den WC-Schlüssel kam, die Wohnungstür. Das Gemeinschaftsklosett befand sich am Ende des Ganges, die Parteien verschlossen die Tür immer.

Die paar Sekunden genügten der Gans, um das Weite zu suchen. Edu nahm seelenruhig den Schlüssel vom Haken und ging nach rechts ab, während die Gans nach links eilte, als hätte sie sich schon im Voraus den Luftschutz-Grundriss des Hauses eingeprägt, der in der Einfahrt ausgehängt war. Sie watschelte auf den Stufen bis zum Erdgeschoss hinunter, wo sie stutzte. Wäre der nach Salpeter riechende Kellerabgang nicht verschlossen gewesen, hätte sie sich gewiss verirrt und wäre in den Keller gegangen, so aber überquerte sie selbstsicher den mit gelben Keramit-Ziegeln ausgelegten Innenhof und erreichte den vom Müll stinkenden Ausgang. Hier schlüpfte sie, wie vorhin unter der Achsel Edus, vor den Beinen des ankommenden, nach Speck und Schnaps riechenden Mieters hinaus.

Onkel Jóska, denn er war der Ankömmling, hatte schon deshalb nicht die mindeste Chance, die sportliche Gans zu erwischen, weil er, dank des letzten, die Schachpartie beschließenden Sliwowitz den Weg vom Nachbarhaus nur mühsam geschafft hatte.

Die Gans zog die Mohács-Straße entlang, und es gelang ihr gerade noch, die schnaufend zu Hause ankommende Tante zu verfehlen, die inzwischen von der Familie Lantos erfahren hatte, dass ihr Mann schon weggegangen war.

Damals gab es noch kaum Autoverkehr und so wanderte die Gans ziemlich sicher in der Fahrbahnmitte Richtung Lehel-Markt und Élmunkás-Straße. An der nächsten Straßenecke aber war sie plötzlich verschwunden. Genauso spurlos wie das Stückchen Kochspeck, das Frau Lantos mit Ausdauer suchte und von dem Onkel Jóska so gar nichts wusste und in Bezug auf den er sich zu Hause alle heimtückischen Verdächtigungen verbat.

Von der Gans wurde vorerst noch nicht gesprochen. Man schöpfte erst Verdacht, als der torkelnde Onkel Vera zum dritten Mal fragte, ob denn die Katze ihr die Zunge gestohlen habe oder was sonst los sei. Da merkten sie erst – denn das Wachstuch hatte Veras Hände bisher verdeckt –, dass sie sich im sturen Schweigen immer wieder mit einer schneeweißen Feder über den Handrücken strich.

Als sie schließlich verstanden hatten, dass die Gans hier gewesen, doch, wie es schien, auch schon gegangen war, mussten sie nur noch herausfinden, wer sie wohin gebracht hatte. Sie begannen Edu zu befragen. Sie sollte bitte zeigen, wo die Gans war, wohin sie verschwunden war, denn es sollte doch ein feines Abendessen aus ihr gemacht werden, sie durfte nicht so einfach entwischen. Edu zuckte die Achseln und wies zum Dach, als wäre der Vogel einfach weggeflogen, während sie sich erleichterte. Vielleicht war sie davon ja überzeugt. Mit der kleinen Vera kamen sie auch nicht weiter, sie blinzelte mal den einen, dann die andere an und es stand zu befürchten, sie würde in Tränen ausbrechen, sollten sie weiter in sie dringen. Die Tante sah, dass sie mit den beiden auf keinen grünen Zweig kommen würde, und so machte sie sich mit ihren krampfaderngeplagten Beinen auf zum Marktplatz, zu dem Bekannten, mit dem der Verkauf der Gans am Vortag besprochen worden war. Also so etwas!, wunderte sie sich.

Onkel Jóska saß während der ganzen Zeit schuldbewusst in der Küche, als ginge die Flucht der Gans auf sein Konto. Die Gewissensbisse waren nicht unbegründet, zudem schien die kurze, verbotene Freude am wenigen Speck auch den ausgiebigen längerfristigen Genuss der frei verzehrbaren Gänsegrammeln zu gefährden. Er verdünnte den Schnaps in seinem Magen mit Sodawasser und versuchte dabei dem kleinen Findelkind Vera Worte zu entlocken, die aber antwortete kaum, sagte nur Ja und Nein und wollte nichts haben, sie saß nur stumm da auf dem zu hohen Hocker. Die arme Kleine bot einen ziemlich unansehnlichen Anblick mit ihren struppigen Haaren. Schließlich sagte sie doch etwas, sie starrte auf die Tischplatte und murmelte, dass sie Pipi machen müsse. Onkel Jóska geleitete sie auf den Gang und hörte verwirrt zu, wie sie hinter der olivgrünen Tür Wasser ließ. Drinnen war es finster und Vera wunderte sich, dass man hier aufgeschnittene Zeitungsseiten statt Klopapier verwendete, das kratzte ihren Po und war mit der Spülung nicht durch das Loch zu bekommen. Auch den an der Kette hängenden hölzernen Griff erreichte sie nur mit Mühe. Später wurde für sie ein Email-Nachttopf angeschafft, weil sie sich fürchtete, allein hinauszugehen, auch sollte die in der Küche schlafende Edu nicht mit dem Türenschlagen aufgeweckt werden.

Die arme Edu schlief ohnehin schlecht. Sie schrie im Schlaf öfter auf, manchmal weinte sie mit tiefer, heiserer Stimme, da musste Tante Edit aufstehen und sich zu ihr auf die Bettbank setzen, bis sie sich beruhigte. Wenn sie nicht schlecht träumte, dann schnarchte sie, auch das war von der Küche zu hören.

An jenem Abend, als es dann schließlich Taubensuppe statt der Gans gab, denn irgendwie musste man ja die Ankunft Veras feiern, beugte sich Edu über ihren Teller und aß schlürfend. Niemand wies sie zurecht. Nach dem Abendessen ging sie auf den Gang hinaus, um eine Zigarette zu rauchen. Ihr Daumen und der Zeigefinger waren gelb von den zusammengezwickten, bis zum Ende gerauchten Zigaretten und ihre Zähne waren schwarz. Doch schien sie Vera nicht nur deswegen gruselig: auch die in ihren Arm tätowierten Zahlen machten sie furchterregend. So etwas hatte das Mädchen schon in der Erziehungsanstalt gesehen, gleich zwei von den Pflegerinnen trugen eine Zahlenreihe am Arm. Vera graute es vor beiden, besonders vor der großen mit den Sommersprossen, weil die auf Schritt und Tritt Schläge austeilte, und wenn sie ein Bett nicht ordentlich gemacht vorfand, warf sie alles zusammen auf den Boden. Diese Erfahrung ließ dann auch Edus Behäbigkeit unberechenbar und bedrohlich erscheinen, als könnte zu jeder Zeit ein schreiender Erwachsener aus ihr heraustreten.

Hatte Edu sich am Abend erst einmal in Trainingshose und Kombinage auf der Bettbank in der Küche hingelegt und die Decke über den Kopf gezogen, konnte man den Wandbrunnen nur noch erreichen, wenn man sich hinter dem Tisch vorbeipresste. Sie stellte ihre hochschaftigen Schnürschuhe immer neben die Tür. Der säuerliche Geruch ihres dicken Körpers füllte den Raum bis zum Morgen, er verlor sich erst am Nachmittag. Lüften war nicht möglich, die Tür zum Gang musste wegen des Zigarettenrauchs stets geschlossen bleiben.

Drinnen im Zimmer legte man sich zur selben Zeit schlafen wie Edu draußen, das war die Regel. Einmal gingen noch alle hinaus, zum Ende des Ganges, auf eine Rundreise durch Indien, wie der Onkel zu sagen pflegte, wobei er jeden Abend wiehernd zu seinem Geistesblitz lachte. Dann verschlossen sie die äußere Tür, die zwischen Zimmer und Küche machten sie nur zu.

Im Heim mussten die Türen der Schlafsäle über Nacht offen bleiben. Auf dem Gang brannte die Lampe, sie sollten nicht im Dunkeln schlafen. Nicht damit sie sich nicht fürchteten, vielmehr um sie am Herumgehen zu hindern: Ohne Erlaubnis durften sie nicht einmal aufs Klo hinausgehen. Nach zehn Uhr war jedes Hinübergehen ins andere Ende des Gebäudeflügels untersagt, das durfte allein vom diensthabenden Nachtpräfekten genehmigt werden. Der gab auch das WC-Papier aus, vier Blatt pro Anlass. Niemand besaß Pantoffel, der kalte Steinboden des hallenden nächtlichen Ganges brannte unter ihren nackten Sohlen, es tat wohl, danach wieder unter die Decke zu schlüpfen.

Vera fiel es schwer, in diesem ihr unbekannten Zimmer einzuschlafen, in einem fremden Bett, zwischen fremden Körpern und inmitten fremder Gerüche. Auch hier war es nicht stockdunkel, ein Fenster leuchtete auf dem Innengang des Hauses, auf der rechten Seite, das gehörte dem bis in die tiefe Nacht Schwarzarbeit verrichtenden Schuster. Tagsüber arbeitete der Alte in einer Werkstatt für Schuhoberteile, nächtens aber flickte er am Küchentisch sitzend das Schuhwerk der Hausparteien. Später machte das Mädchen seine Bekanntschaft und der Schuster zeigte ihm seine geheimnisvollen unterteilten Schachteln, in denen er Schnallen, Nägel und Lederstückchen aufbewahrte.

Die Tante zog sich vor dem Schlafengehen hinter der Tür des großen Schleiflackschrankes aus, Onkel Jóska, ihr Mann, lag schon im Bett und klopfte auf den Polster in der Mitte, um dem Findling Vera zu zeigen, wo sie sich hinlegen solle. Er schlug die Decke zurück und ermahnte sie, die Beine ruhig zu halten, sonst würden sie sie zum Schlafen zu Edu in die Küche stecken.

Die Tante verharrte in ihrem langen Schlafrock neben dem Bett, sie richtete die Decke des Kindes, dann setzte sie sich, mit dem Rücken zu ihm, auf das Bett. So saß sie da, vornübergebückt, reglos. Lange Minuten verstrichen, als wollte sie die Nacht erstarrt in dieser Haltung verbringen. Aus der Wohnung des Schusters fiel das schwache Licht über den Gang durch die Löcher des gehäkelten Vorhangs. In diesem Dämmerschein lag das Mädchen da und beobachtete den fleischigen Rücken durch halb geschlossene Lider. Auf einmal erhob sich die Tante, legte den Schlafrock ab, dann hob sie sich mit einer unwahrscheinlichen, schon geträumt scheinenden Bewegung auch die Haare vom Kopf. Sie war vollkommen kahl, ihr abgelegtes Haar lag leblos wie ein Skalp vor dem Spiegel. Vera täuschte vor zu schlafen, wie im Heim, wenn die Pflegerinnen abends durch die Säle gingen und dabei Licht machten, doch dabei lauschte sie mit verhaltenem Atem darauf, was nun kommen würde. Ihr Herz klopfte wie wild. Sie hatte noch nie eine Perücke gesehen, daher dachte sie, auch die Tante habe Läuse. Dass also auch die Erwachsenen am Kopf rasiert würden, nur würden sie ihre Haare zurückbekommen.

Ihr hätte sie das wirklich sagen können, sie würde niemandem etwas erzählen. Das viele dunkle Haar, das gehörte alles ihr, nur war es nicht mehr angewachsen? Im Halbschlaf nahm sie sich vor, morgen, wenn sich die Tante zu ihr beugte, ihren Kopf zu berühren, dann würde sich alles herausstellen.

Mit diesem beruhigenden Gedanken schlief sie ein und spürte nicht mehr, dass die Frau ihr übers Gesicht strich und dann ihr gerade neu sprießendes, stachliges Haar streichelte.

Am folgenden Tag konnte Vera doch nicht über das Haar der Tante sprechen. Als sie aufwachte, war niemand mehr im Zimmer. Die Tante klapperte in der Küche mit dem Geschirr und die Edu rauchte auf dem Gang, auf ihrem Hocker sitzend. Der Onkel war früh weggegangen, er half auf dem Holzplatz in der Nähe aus, so bekamen sie im Winter das Brennholz günstiger. Freilich nur Akazienholz, aber das ging wenigstens leichter zum Schneiden.

Edu frühstückte nie, sie trank nur einen Milchkaffee, doch für Vera war ein halbes Butterkipferl und ein Häferl Milch auf dem Tisch vorbereitet. Die Tante trug ein schwarzes Spitzentuch auf dem Kopf, dessen Spitzen mit zwei Spangen hinter ihren Ohren festgesteckt waren, was Vera annehmen ließ, dass ihr Haar über Nacht vielleicht doch nicht ganz nachgewachsen war. Sie hatte wieder Schmerzen in den Beinen. Um die weichen, weißen, von Krampfadern durchzogenen Waden wickelte sie eine Bandage, stach eine Sicherheitsnadel durch das Ende und sagte zu Vera, heute werde sie brav in die Kultusgemeinde mitkommen und sich im Büro jedem vorstellen. Und wenn sie sich den Weg gemerkt habe, dürfe sie morgen schon allein mit dem Menagereindl um das Mittagessen gehen.

Die Gratisverköstigung kam ursprünglich nur der Edu zu, der Schwester der Tante, wegen des Lagers, doch bekam die Tante immer etwas von der übrig gebliebenen Suppe oder den Nudeln, so wurden sie immer alle drei satt. Vera sinnierte darüber, wie das denn zugehen mochte, jemand wird in ein Lager verschickt und dann bekommt er noch ein Gratisessen, das ist nicht gerecht. Aus dem Heim wurden nur die Besten und die Tuberkulosekranken in ein Lager verschickt, die bekamen aber danach, wenn sie zurückkamen, auch nur das normale Essen wie die anderen. Während sie darüber nachdachte, überschlug die Tante im Kopf, dieses kleine, mickrige Kindchen wird sicher nicht so viel essen, dass sie zu viert nicht genug bekommen; keine von ihnen sprach bei den Vorbereitungen auch nur ein Wort. Das dreistöckige Menagereindl war aus Blech und hatte Schnallen, Vera steckte die Teile zusammen, und die Tante nahm noch eine zusätzliche Tasche, damit sie, falls man ihnen auch noch Obst zuteilte, dieses mitnehmen konnte. In letzter Zeit gab es kaum Obst und Gemüse und Fleisch überhaupt niemals.

Ihre Gasse war mit Kopfsteinen gepflastert und bestand ausschließlich aus Parterre- oder einstöckigen Häusern, in der nächsten, breiteren Nebengasse aber erhoben sich nur mehrstöckige, pockennarbige Mietshäuser. Von hier aus konnte man schon auf die verkehrsreichere Straße hinausblicken, wo die Straßenbahn verkehrte. Beim Scherenschleifer musste man rechts einbiegen und bis zum Haus mit dem Lautsprecher an der Wand weitergehen. In der Auslage des Scherenschleifers saß eine winzig kleine Figur auf einem Stuhl und hielt nach vorne gebückt ein Klappmesser an den Schleifstein, das im Verhältnis zu ihrem Körper groß war wie ein Schwert. Nachdem sie mit dem Bewegungsablauf fertig war, blickte sie durch das Schaufenster, dann wandte sie sich zurück und begann von Neuem zu schleifen. Links und rechts von ihr lagen Klingen und in der Mitte stand auf einer Tafel: Fischer-Messer für alle Zwecke. Die Tante wies auf ein grün gestrichenes Fenster dort oben, dieses müsse man von Weitem suchen, auch die Edu würde nach diesem Fenster wissen, wo sie einbiegen müsse, doch Vera merkte sich lieber den grauen, trichterförmigen Lautsprecher an der Wand, der war ihr bekannt, so einen gab es auch im Erziehungsheim auf dem Hof.

Der Eingang zur Kultusgemeinde befand sich oberhalb einer kurzen Stiege, die Tante leierte wieder herunter, Vera möge alle schön grüßen und ihr ja keine Schande machen. Sie richtete Veras Rock, dann läutete sie an.

Es dauerte lange, bis die Tür aufging. Ein magerer Mann mit vielen Falten im Gesicht kam heraus, er nahm das Menagereindl entgegen und blickte das fremde Kind gar nicht an. Die Tante sagte, sie hätten jetzt im Büro zu tun, und zog Vera hinter sich her, neben dem Mann vorbei,, der nicht besonders herzlich wirkte.

Im düsteren, engen Raum hielten sich vier Frauen auf, sie alle saßen mit dem Rücken zu einer Wand an den mit Läden versehenen Schreibtischen. Als die beiden eintraten, standen sie alle auf und umringten Vera neugierig. Sie fragten sie durcheinander nach ihrem Namen und Alter und ob sie Reissuppe und Knödel möge, denn heute gebe es eben das, und ob sie ein schönes Gedicht aufsagen könne, ob sie gern bei den Juden sei und ob sie schon beten könne.

Das Mädchen entsann sich vage, von Onkel Jóska recht spöttische Blicke geerntet zu haben, damals, als sie zur Familie kam und nur dasaß und nicht auf die Fragen antwortete, also nahm sie sich zusammen und versuchte nach bestem Wissen alle Fragen zu beantworten. Sie sei sechs Jahre alt, Reissuppe habe sie noch nie gegessen, nur Reis allein, und der habe nicht sehr gut geschmeckt. Dann fiel ihr ein, was sie im Heim von den anderen gehört hatte. Sie erwiderte auch die vierte Frage, laut und deutlich, sie möge die Juden nicht, weil die alle stinken und rote Haare haben, und fügte noch hinzu, sie kenne auch ein Gedicht. – Rotes Haar und Sommersprossen sind des Teufels Volksgenossen, deklamierte sie stolz. Beten könne sie nicht, sie glaube nur an die Partei und an Mátyás Rákosi, ihren Retter. Dann blickte sie zu Tante Edit auf. Die aber sah komischerweise nicht sie an, sondern die vier verdutzten alten Frauen, die sich langsam aufrichteten und die kleine, hässliche Kröte verstört anschauten und keine Ahnung hatten, was sie sagen sollten.

„Macht nichts“, sagte schließlich die dickste, dann watschelte sie zu ihrer Schreibmaschine zurück und hieb auf die Tasten ein. Inzwischen war auch der Mann namens Ernő zurückgekommen, der sie beim Eingang empfangen hatte, und reichte der Tante den vollen Essensträger. Auch er musterte das Mädchen genau, dann äußerte er, man müsse ihr viel Milch zum Trinken geben, denn die Ärmste sei ziemlich schwachbrüstig. Die Tante nahm die zusammengesteckten Töpfe entgegen und entgegnete, singen könne sie aber schön, sie sollten sie nur einmal hören.

„Man wird ihr hier schöne Lieder beibringen“, sagte sie und blickte die Frauen vielsagend an. „Die Tante Ilonka hat eine wunderschöne Stimme“, wandte sie sich nun zu Vera, „und du kannst sie überhaupt alles fragen, sie wird dir helfen. Und beten wirst du dann zu Hause lernen.“

Auf dem Rückweg musste schon Vera den Weg zeigen. Bei der zweiten Ecke einbiegen, dann weiter bis zum Haus mit dem grünen Fenster. Als sie dort ankamen, ertönte es aus dem Lautsprecher unerwartet und mit Widerhall: … und wir müssen jenen feindlichen Umtrieben den Krieg erklären, die die Durchführung der Verordnungen, die dem Wohle unserer werktätigen Bevölkerung dienen, mit Undiszipliniertheit, Hintertreibung und mit Entstellung oder Missdeutung unserer richtigen Maßnahmen zu verhindern suchen.

Die Tante blickte nicht einmal auf, sie trug das Menagereindl vorsichtig weiter, damit die Reissuppe nicht herausschwappte, doch das Mädchen wurde von einer schwer in Worte zu fassenden, bebenden Begeisterung ergriffen.

Nicht so das kleine, spannengroße Männchen im Reklameschaufenster der Fischer-Messer. Als sie auf seiner Höhe ankamen, blickte es noch einmal hinaus, dann wandte sich das Männchen wieder seinem winzigen Schleifstein zu, zuckte noch ein paarmal mit dem Arm und blieb stehen.