Mi., 01. September 2021

#Transmitting

Mit Mahmoud Al-Shaer (28 magazine), Munir Fasheh, Meena Kandasamy, Adania Shibli u. a.

Die vergangenen vierzehn Jahre Blockade im Gazastreifen haben nicht verhindert, dass in den verstecktesten Ecken und Nischen versucht wurde, die Auswirkungen der Isolation und der Einengung zu überwinden. Eine dieser Bestrebungen ist das 2013 von einer Gruppe junger Autor*innen gegründete 28 magazine, dessen Name von der Anzahl der Buchstaben des arabischen Alphabets inspiriert ist. Es entstand aus dem Bedürfnis vieler Künstler*innen, Autor*innen und anderer Menschen nach Räumen für ihre literarische und kreative Praxis, die eine neue Sprache und neue Begriffe sucht, Formen des Widerstands schafft und sich mit der Realität auseinandersetzt. Sprache, das arabische Alphabet und seine achtundzwanzig Buchstaben – und ihre Bewegungsfreiheit – haben schon viele Künstler*innen und Autor*innen dazu befähigt, kraft der Imagination Grenzen zu überwinden und, zumindest sprachlich, Verbindungen zu anderen arabischsprachigen Regionen und dem Rest der Welt herzustellen.

Auf der Suche nach neuen Sprachen und Terminologien, nach kontemplativen und kooperativen Räumen sowie Überwindung der in Gaza herrschenden Einschränkungen nutzt das 28 magazine extensiv das Internet. Gerade für junge Menschen wurde der digitale Raum ein Zufluchtsort, um sich frei auszudrücken und mit anderen außerhalb Gazas in Kontakt zu treten.

Mit dieser Ausgabe der New Alphabet School strebt das 28 magazine an, „transmitting“ nicht nur als Form der Übertragung zu denken und diskutieren, sondern auch, um Räume zu entwickeln, die Platz schaffen für neue Sprachen, Begriffe und Werkzeuge, die den Herausforderungen der Realität begegnen.
Auseinandersetzen werden sich die Teilnehmenden mit literarischen, künstlerischen, widerständigen und Freiheits-Praxen, die aus autonomen und kollektiven Erfahrungen entstehen und auf diese bauen, indem sie Vergangenes mit Zukunftsvisionen und Nähe mit Distanz verknüpfen – sowohl in Palästina als auch darüber hinaus. Sie sind zum Mitwirken an einem semi-utopischen Versuch eingeladen, um Inspiration in der Konfrontation mit der Krise der Realität zu finden und dabei neue Interaktionswelten und Engagements, Aufmerksamkeitsformen und Interessen freizulegen.

Kuratiert von Mahmoud Al-Shaer (28 magazine) im Gespräch mit Ibrahim Hannoon und in Zusammenarbeit mit Adania Shibli

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Mittwoch, 01.09.

18.30h MESZ (Berlin) / 19.30h OESZ (Rafah)
HKW
Einführung
Von Olga Schubert und Adania Shibli

18.45h MESZ (Berlin) / 19.45h OESZ (Rafah)
HKW
„Mujaawarah/Nachbarschaft“, „Tahaaduth/Konversation“ und „Turba/Erde“, Visionen für Leben und Lernen
Vortrag von Munir Fasheh

Zu den interessantesten Dingen seines Lebens gehören für den Lerntheoretiker Munir Fasheh Arten und Weisen des Lernens, die er unabhängig von der akademischen Welt kennenlernte. Der Mathematik- und Physikdozent wandte sich im Zuge des Krieges von 1967 in Palästina von der universitären Lehre ab. Damals begann er sich für Lernformen zu interessieren, die damit im Einklang stehen, was die arabische Zivilisation womöglich am besten beschreibt: ein Wissen, das sich durch den Austausch verschiedener Kulturen herausbildet. Dieses Wissen überträgt sich nicht in gesammelter Form, sondern entsteht durch soziale Interaktion der Lernenden. Munir Fasheh reflektierte täglich, was er am Vortag gemacht hatte und überlegte, wie seine Erlebnisse Sinn ergeben könnten. Das ist für Fasheh die Grundbedeutung des Lernens, die aber von akademischen Institutionen unterdrückt wird. Zu seiner zentralen Richtschnur wurde die Vision, nicht das Ziel oder die Strategie. Dabei stellen Wörter, in ihrer viralen sowie heilenden Funktion, die Hauptelemente seiner Vision dar – die er in Form einer neuen Dreiheit erklärt. In seinem Vortrag spricht Fasheh über sein Konzept und dessen drei zusammenhängende Komponenten: „Mujaawarah“ (Arabisch für Nachbarschaft als Handlung und Zustand) als ein sozial gewachsenes Element, das für das Entstehen einer Gemeinschaft wesentlich ist, „Wohlbefinden“ als Leitwert, der durch das Handeln nicht verletzt werden darf sowie „die Pflege der Erde“ als Essenz des Lebens.

19.15h MESZ (Berlin) / 20.15h OESZ (Rafah)
HKW
An Palästina denken: „Thaaimann/Mutterland“, „Thaaimozhi/Muttersprache“ und „Thanmaanam/Self-Respect“
Vortrag von Meena Kandasamy

Auf den ersten Blick scheint es für Tamil*innen in Indien nicht viele Gründe zu geben, an Palästina zu denken. Aber vielleicht ist mit dem Aufbegehren um das eigenständige Tamil Eelam in den 1980er Jahren in Sri Lanka der palästinensische Kampf zu einem inspirierenden Beispiel geworden. Meena Kandasamy geht in ihrem Vortrag davon aus, dass sich viele Tamil*innen auf andere Orte der Ausbeutung und Kolonisierung zurückbeziehen, wenn sie Unterdrückung ausgesetzt sind. Kandasamys These zufolge könnte den Tamil*innen das gleiche Schicksal wie den Palästinenser*innen drohen. Sie sieht das nicht nur als Warnung, sondern auch als einen Keim für die Notwendigkeit des Kampfes und in diesem Sinn als eine stille Form der Solidarität.
In ihrem Vortrag beleuchtet die Aktivistin, Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin einige der drängendsten Themen, die Indien und vor allem den Bundesstaat Tamil Nadu unter einer vorwiegend hinduistischen, rechtsnationalen Regierung betreffen. Dabei nimmt sie Parallelen zwischen der Situation von Tamil*innen in Indien und der Palästinenser*innen in den Blick: von der Sprache über die ungerechte Verteilung von Arbeitsplätzen und Land bis zum Kampf gegen versteckten Siedlerkolonialismus und Widerstand. Wie von Indien aus an Palästina denken?

19.45h MESZ (Berlin) / 20.45h OESZ (Rafah)
28 magazine gallery (Rafah)
Vorträge, Präsentationen und musikalische Beiträge
Von Rana Al-Batrawi, Mahmoud Al-Shaer, Maree Bashir, Majdal Nateel, Shareef Sarhan, Muhammad Zohud u. a.

20.45h MESZ (Berlin) / 21.45h OESZ (Rafah)
HKW & 28 magazine gallery (Rafah)
Diskussion
Mit Mahmoud Al-Shaer, Maree Bashir, Munir Fasheh, Meena Kandasamy, Adania Shibli u. a.

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Mitschnitt des Livestreams auf Arabisch