Michail Schischkin: Venushaar

Preisträger 2011

Roman, Deutsche Verlags-Anstalt 2011
Aus dem Russischen von Andreas Tretner

Das Buch

„Warum haben Sie Asyl beantragt?“ Diese Frage muss der Erzähler mehrfach täglich ins Russische übersetzen. Er arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde, also gewissermaßen als Petrus' Assistent am Tor zum Paradies. Zahllose Geschichten der Not werden hier aufgetischt, reale ebenso wie aus der Not erfundene, und beim Übersetzen des fremden Leids legt sich des Dolmetschers eigene Lebensgeschichte wie eine zweite Schicht um die Worte. Auch er ist ein Emigrant, der sich nach denen sehnt, die er nicht mehr um sich hat: nach seiner Frau und seinem Kind. Und plötzlich treten ihm neben seinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen auch Geschichten aus anderen Welten und Zeiten entgegen.

Virtuos erzählt Michail Schischkin so ein Jahrhundert russischer Geschichte und bettet außerdem das Leben des Dolmetschers mit Verweisen, Allegorien und Metaphern in einen Kosmos der gesamten Weltkultur ein. Ein wahres Fresko des Lebens, von der Kritik in einem Atemzug mit Werken von Michail Bulgakow und Vladimir Nabokov genannt. Venushaar ist eine vielstimmige Parabel auf das verlorene Paradies – kunstvoll komponiert, stilistisch brillant, „ein Meisterwerk der modernen Literatur“. Neue Zürcher Zeitung

Michail Schischkin | Foto: Yvonne Böhler

Michail Schischkin | Foto: Yvonne Böhler

Der Autor

Michail Schischkin wurde 1961 in Moskau geboren, studierte Linguistik und unterrichtete Deutsch. 1995 emigrierte er in die Schweiz, wo er unter anderem als Dolmetscher für die Einwanderungsbehörde arbeitete. Sein erster Roman Die Eroberung Ismails wurde 2000 mit dem russischen Booker-Preis ausgezeichnet. Für sein jüngstes Werk Venushaar erhielt er mehrere Literaturpreise, u.a. den Preis Nationaler Bestseller 2005. Er ist außerdem Autor mehrerer Sachbücher.

Zuletzt erschienen:
Briefsteller. Deutsche Verlags-Anstalt 2012, aus dem Russischen von Andreas Tretner (Pis'movnik, AST, Moskau 2010)

Andreas Tretner | Foto: privat

Andreas Tretner | Foto: privat

Der Übersetzer

Andreas Tretner wurde 1959 in Gera geboren. Er studierte Russisch und Bulgarisch in Leipzig und arbeitet seit 1985 als literarischer Übersetzer. Zu den von ihm ins Deutsche übertragenen Autoren gehören u.a. Viktor Pelewin, Vladimir Sorokin und Jáchym Topol. Andreas Tretner ist außerdem als Lektor, Herausgeber, Kritiker, Journalist und Medienpädagoge tätig.

Zuletzt erschienen:
Alexander Ilitschewski: Der Perser, aus dem Russischen übersetzt von Andreas Tretner, Suhrkamp 2016 (Pers; AST, Moskau 2010)
Michail Schischkin: Briefsteller. Deutsche Verlags-Anstalt 2012, aus dem Russischen von Andreas Tretner (Pis'movnik, AST, Moskau 2010)
Vladimir Sorokin: Der Schneesturm. Kiepenheuer und Witsch Verlag 2012, aus dem Russischen übersetzt von Andreas Tretner (Metel, Ast, Moskau 2010)

Jurykommentar zur Wahl der Preisträger 2011

„Mit ‚Venushaar‘ ist Michail Schischkin ein Roman von stupender Komplexität und betörender Vielfalt gelungen. Als Lotse und zentrale Gestalt figuriert der „Dolmetsch“, ein Alter ego des Autors, der für die schweizerische Einwanderungsbehörde arbeitet. Die Geschichten von Gewalt und Vertreibung, die er aus dem Mund tschetschenischer und anderer Gesuchsteller zu hören bekommt, vermischen sich mit eigenen Erinnerungen an die Moskauer Kindheit und mit der Lektüre von Xenophons Kriegsbericht „Anabasis“. In kühner Schnittechnik werden diesem Erzählstrang zwei weitere hinzugefügt: die autobiographische Reminiszenz des „Dolmetsch“ an seine Liebe zu „Isolde“ und die schmerzliche Trennung von ihr sowie das (fiktive) Tagebuch der russischen Sängerin Isabella Jurjewa, das aus persönlicher Sicht ein Jahrhundert russischer Historie mit Revolution, Bürgerkrieg, Stalinzeit wiedergibt. Die Aufzeichnungen – sie hätten dem „Dolmetsch“ als Material für eine Biographie dienen sollen – zeichnen sich durch Spontaneität und den Gebrauch der Ich-Form aus, was den Stimmenchor des Romans erweitert und auffrischt. Zu dieser Vielstimmigkeit gehören auch zahlreiche Anspielungen und (verdeckte) Zitate, was sich in verschiedenen Redeweisen, Sprachgesten und Stilvarianten niederschlägt.
‚Venushaar‘ ist ein Roman über private, gesellschaftliche und politische Verwerfungen, er thematisiert Krieg, Flucht, Exil, er feiert aber auch den Zauber der Liebe und der Erinnerung und steht für die Kraft des Wortes, wie schon das Motto suggeriert: „Denn durch das Wort ward die Welt erschaffen, und durch das Wort werden wir einst auferstehen.“ Schischkin zeigt sich als Sprachkünstler ersten Ranges: nicht nur hat er eine einzigartige Romanform entwickelt, er spielt mit wechselnden Perspektiven und Einstellungen, mit unterschiedlichsten verbalen Registern und Stillagen, er beherrscht poetische, satirische, elegische und sarkastische Tonarten und brilliert mit überraschenden Details. Man liest eine Chronik der Gewalt und eine Liebesgeschichte, ein Künstlertagebuch und ein Verhörprotokoll und bewegt sich zugleich in einem intertextuellen Gewebe, das diesen Roman - über seine herausragende Qualität hinaus - weltliterarisch verortet.

Michail Schischkins Roman ‚Venushaar‘ zeichnet sich durch thematische Komplexität und eine große Vielfalt von Redeweisen, Sprachgesten und Stilvarianten aus. Zur Sprache kommen tschetschenische Flüchtlinge (als Gesuchsteller bei der schweizerischen Einwanderungsbehörde) und deren „Vernehmer“, der in assoziativen Erinnerungen sich ergehende „Dolmetsch“ und die 1899 geborene russische Sängerin Isabella Jurjewa, in deren (fiktiven) Tagebuchaufzeichnungen Epochenschilderungen kontrastreich mit palindromischen Wortspielereien abwechseln. Zu diesem Stimmenchor gesellen sich zahlreiche Anspielungen und (verdeckte) Zitate, die ein komplexes intertextuelles Gewebe bilden.
Andreas Tretner ist es auf virtuose Weise gelungen, die Bezüglichkeiten aufzudecken und die unterschiedlichen Sprachregister und –masken abzubilden. Bibel- und Verhörton, elegische Liebesreminiszenz und Jargon der Gewalt, poetische Introspektion und Xenophonsche Archaik finden eine plastische Wiedergabe. Als besonders anspruchsvoll erwiesen sich die brüsken Stil- und Rhythmuswechsel, die oft einen einzigen Satz polyphon erklingen lassen. Mit wachem Ohr hat Andreas Tretner jede Sprachbewegung subtil nachvollzogen und damit die enorme Detailarbeit, die in diesem allseits überraschenden Roman steckt, optimal zur Geltung gebracht. Eine meisterliche Übersetzung eines Meisterwerks.“