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Kuratorisches Statement

Das Archiv der Flucht ist ein digitaler Gedächtnisort, der Geschichten von Flucht und Vertreibung nach Deutschland im 20. und 21. Jahrhundert bewahrt und reflektiert. Die Erfahrungen von Menschen, die alles zurückgelassen haben und hier Zuflucht fanden, prägten die beiden deutschen Staaten – und ihre Beziehung zueinander – von Beginn an. Diese Menschen erzählen von Flucht und Vertreibung, von Folter, Ausbeutung und Entrechtung, aber auch von Hoffnung und Glück. Sie sprechen über Heimat und Exil, Zugehörigkeit und Neuanfang – und am Ende offenbaren sie auch überraschende, vielfältige Perspektiven deutscher Geschichte.

Ihre Geschichten zeigen, dass Flucht und Migration nach Deutschland keine Ausnahmen oder krisenhaften Anomalien sind, sondern historische Normalität. Erst mit und durch diese Geschichten kann es gelingen, die Gegenwart und Zukunft zu verstehen. Welche Ähnlichkeiten spiegeln sich in den Fluchterfahrungen und welche Unterschiede? Wie verändern sich Fluchterfahrungen über die Jahrzehnte? Mit welchen Wünschen und Ambitionen, aber auch welchen Traumata sind die Menschen hierhergekommen? Welche Erfahrungen des Ankommens und der Ausgrenzung wiederholen sich? Wie werden die sozialen, politischen oder kulturellen Schwellen der Zugehörigkeit verhandelt oder verändert? Was erzählen sie über das Hier? Was heißt das eigentlich: Flucht?

In seiner Entstehung hat sich das Archiv der Flucht Zeit gelassen: Über anderthalb Jahre wurden Workshops mit einem interdisziplinären Team aus Interviewer*innen und Berater*innen organisiert, um zu reflektieren: Welcher Fluchtbegriff wird dem Archiv zugrunde gelegt? Welche Zeitspanne soll es umfassen? Wie lässt sich verhindern, dass die Erfahrung der Anhörungen des Bundesamts für Migration und Flucht wiederholt wird? Welche Themen und Motive sollen sich durch alle Gespräche ziehen? Wie offen und frei müssen trotzdem die Interviewer*innen sein? Wie stellen wir sicher, dass sich die Tiefe der Erzählungen und die Breite der Perspektiven und Hintergründe ergänzen?

Gemeinsam wurde ein Leitfaden für die Interviews entwickelt: Die Gespräche beginnen bei der Kindheit und enden im Jetzt; dazwischen liegen die Entscheidung zur Flucht, der mal zügige, mal verworrene Transit sowie Ankunft und Leben in Deutschland – ob erst seit Kurzem oder schon seit Jahrzehnten.

Die Interviewer*innen entstammen ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und kulturellen Hintergründen. Sie bringen verschiedene Erfahrungen und Wissensformen ein, aber auch ein breites Spektrum in Alter, Migrationserfahrung und Herkunft. Es sind jüdische, muslimische oder atheistische, homosexuelle und heterosexuelle, weiße oder Interviewer*innen of Color, die sich zusammen auf dieses mehrjährige Projekt eingelassen haben.

Erst nach dieser intensiven Vorarbeit wurde mit der Ansprache begonnen, also der Kommunikation des Projekts in verschiedene Communitys, Vereine und Hilfsorganisationen hinein. Bei der Suche nach Menschen, die mitwirken würden, sollte die Auswahl der Gesprächspartner*innen nicht die üblichen Mechanismen der Exklusion und Diskriminierung wiederholen. Wir suchten sehr gezielt nach Erfahrungen und Herkunftsländern: Frauen, weniger gut ausgebildete und ältere Menschen sollten mit ihren Erzählungen ebenso sichtbar werden wie junge, berufstätige Männer.

Wenn wir uns um eine Breite der Erzählungen und Erfahrungen bemüht haben, so sind wir uns der Unvollständigkeit des Projekts bewusst. Ein Archiv spricht immer davon, dass es ergänzt und fortgeschrieben werden kann und soll. Die letztliche Auswahl beansprucht keine Repräsentativität.

Das Archiv der Flucht versammelt ausdrücklich die Erinnerungen verschiedener Generationen – von der Flucht im Jahr 1945 aus Schlesien bis hin zu jener im Jahr 2016 aus Libyen. Es birgt ein breites Spektrum an Geschichten, ob junge oder ältere Erzählende, ob Mütter oder Töchter, die alles zurücklassen mussten. Insgesamt versammelt das Archiv Protagonist*innen aus 28 Herkunftsländern in Südamerika, Afrika, Ost- und Südosteuropa, im Nahen und Mittleren Osten sowie Südost- und Ostasien, die in neun Sprachen erzählen. Die Geschichten umfassen die unterschiedlichsten sozialen oder kulturellen Hintergründe, Religionen, Sexualitäten. Von den 19 Frauen und 23 Männern ordnen sich vier als LGBTQIA+ ein. Es sind Schäfer oder Professor*innen, Arbeiter*innen oder Angehörige der Oberschicht. Zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen waren die Gesprächspartner*innen zwischen 19 und 87 Jahre alt.

Gemeinsam mit der Filmemacherin Heidi Specogna entstand ein filmisches Konzept, das den Respekt für die Menschen deutlich macht, die ihre Erzählungen dem Archiv und damit der Öffentlichkeit anvertrauen. Alle Interviews sind ab 30. September 2021 online verfügbar.

Die Interviewfilme werden der Öffentlichkeit in deutscher und englischer Sprache dauerhaft zugänglich und nicht nur für die politische Bildung und Migrationsforschung nutzbar gemacht. Mit der Veröffentlichung des Online-Archivs am 30. September sind sie in einer Installation im HKW zu sehen und werden zeitgleich an den Goethe-Instituten in Athen, Belgrad, Bukarest, Istanbul, Sarajevo, Tirana und Zagreb präsentiert. Während der Laufzeit der Installation am HKW initiieren Workshops mit Schüler*innen und Lehrer*innen politische Bildungsprojekte. In fachinternen Gesprächen diskutieren Expert*innen der politischen Bildungsarbeit sowie Praktiker*innen und Theoretiker*innen aus dem musealen und wissenschaftlichen Kontext mit Silvy Chakkalakal sowie Yasemin Karakaşoğlu zu Nutzung und Verbreitung des Online-Archivs in den jeweiligen Feldern. Vier Thementage eröffnen das Archiv der Flucht am HKW als erinnerungspolitischen Beitrag zu gegenwärtigen Diskursen um Einwanderung. Hier diskutieren Theoretiker*innen, Aktivist*innen sowie Projektbeteiligte die Notwendigkeiten eines pluralen Gesellschaftsverständnisses angesichts gegenwärtiger politischer Konjunkturen.

Carolin Emcke und Manuela Bojadžijev, Kuratorinnen Archiv der Flucht