Das Nationalstaatensystem

The Many Futures Before Nations

Der Themenstrang beleuchtet die verschiedenen alternativen Vorstellungen globaler politischer Organisation, die in der Ära der Nationalstaaten verworfen oder an den Rand gedrängt wurden. Diese verschütteten politischen Optionen ans Licht zu holen, eröffnet einen Möglichkeitsraum für utopische Imagination. Angesichts einer Gegenwart, die geprägt ist von den katastrophalen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, geht es darum, die Zukunft neu zu denken und sich alternative Formen politischer Zugehörigkeit zu vergegenwärtigen – in, zwischen und über Nationalstaaten hinweg.

Mit Arjun Appadurai, Cemil Aydin, Kudzanai Chiurai, Ann Cotten, Lawrence Liang, Marcus Rediker, David Scott, Hito Steyerl, Naomi Wallace

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Arjun Appadurai ist Ethnologe und Professor of Media, Culture and Communication an der New York University, außerdem Senior Fellow des dortigen Institute for Public Knowlegde. Zurzeit (2016/17) ist er Gastprofessor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Appadurai hat mehrere wegbereitende Bücher auf dem Gebiet der Globalisierungsstudien veröffentlicht, darunter Modernity at Large (1996), Fear of Small Numbers: An Essay on the Geography of Anger (2006) und The Future as a Cultural Fact: Essays on the Global Condition (2013). Zuletzt erschien das Buch Banking on Words: The Failure of Language in the Age of Derivative Finance (2015), in dem er eine unkonventionelle Deutung der Wirtschaftskrise von 2008 vorschlägt.

Cemil Aydin lehrt Globalgeschichte an der University of North Carolina at Chapel Hill. Sein Forschungsgebiet sind die Geistesgeschichte des Nahen Ostens und Asiens sowie die Ursprünge der zeitgenössischen Weltordnung. In The Politics of Anti Westernism in Asia: Visions of World Order in Pan-Islamic and Pan-Asian Thought (2007) behandelt er das Aufkommen moderner, anti-westlicher Denkhaltungen im Zeitalter des Imperialismus. Vor kurzem hat er den Beitrag Regionen und Reiche in der politischen Geschichte des langen 19. Jahrhunderts, 1750-1924 im Sammelband Geschichte der Welt, 1750-1870: Wege zur Modernen Welt (2016) veröffentlicht. Im April 2017 erscheint sein neuestes Buch The Idea of the Muslim World: A Global Intellectual History.

Kudzanai Chiurai arbeitet als Künstler mit unterschiedlichsten Medien, darunter Fotografie, Grafikdesign und Druckgrafik, Malerei und Film. Seine Arbeiten erkunden Themen des städtischen Raums, Exil, Rassismus, Vertreibung und die Konstruiertheit afrikanischer Nationalstaaten. Chiurai hat einen Abschluss von der University of Pretoria in Südafrika und lebt zurzeit in Simbabwe. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt, zuletzt unter anderem beim Lagos Photo Festival (2016), in der National Gallery of Zimbabwe (2016), im Museum of Contemporary African Diaspora Arts, Brooklyn (2015), auf der documenta 13 (2012), am MoMA in New York (2011) und im Goodman Gallery Project Space, Johannesburg (2011).

Die Dichterin und Autorin Ann Cotten schreibt auf Deutsch und Englisch. 2007 erschien ihr erstes Buch Fremdwörterbuchsonette, gefolgt von Florida-Räume (2010), Der Schaudernde Fächer (2013) und Hauptwerk. Softsoftporn (2013). Für das Buch I, Coleoptile (2010) hat sie mit der bildenden Künstlerin Kerstin Cmelka zusammengearbeitet. Mit Monika Rinck und Sabine Scho tritt sie in der “Rotten Kink Schow” auf. In Verbannt! – Versepos (2016) schuf sie aus alten Versmaßen und experimentellen literarischen Formen ein zeitgenössisches Epos. Ihre neueste Veröffentlichung ist Lather in Heaven (2016).

Lawrence Liang ist Rechtswissenschaftler, Autor und Anwalt beim Alternative Law Forum in Bangalore, Indien. Sein Arbeitsinteresse liegt am Schnittpunkt von Recht und Kulturpolitik. Insbesondere hat er sich in den vergangenen Jahren mit Fragen der Medienpiraterie auseinandergesetzt. Er arbeitet eng mit der unabhängigen Rechercheinitiative Sarai in Neu-Delhi am Forschungsprojekt Intellectual Property and the Knowledge/Culture Commons zusammen. Liang ist Autor von Primer on Open Content (2007) und The Public is Watching: Sex, Laws and Videotape (2007). Zuletzt hat er gemeinsam mit anderen Invisisble Libraries (2016) verfasst, eine spekulative Erzählung über Bibliotheken und die Zukunft des Lesens. Er publiziert regelmäßig zu Fragen des Urheberrechts und zu rechtlichen Aspekten der Populärkultur.

Marcus Rediker ist Distinguished Professor of Atlantic History an der University of Pittsburgh und Senior Research Fellow am Collège d'études mondiales in Paris. Zu seinen Buchveröffentlichungen über gesellschafts-, arbeits- und meeresgeschichtliche Aspekte des transatlantischen Sklavenhandels gehören Outlaws of the Atlantic (2014), Villains of all Nations (2004) und The Many-Headed Hydra (2000, mit Peter Linebaugh). Gemeinsam mit dem Filmemacher Tony Buba produzierte er den preisgekrönten Dokumentarfilm Ghosts of Amistad: In the Footsteps of the Rebels (2014). Sein neuestes Buch The Fearless Benjamin Lay: The Quaker Dwarf who Became the First Revolutionary Abolitionist erscheint in Kürze. Rediker beteiligt sich außerdem an verschiedenen Initiativen für Frieden und soziale Gerechtigkeit.

David Scott unterrichtet am Department of Anthropology der Columbia University und arbeitet daran, die Kolonialgeschichte für die postkoloniale Gegenwart neu zu erschließen. Im Zuge dessen erforscht er Traditionen und Generationen, Dialoge und Kritik, Selbstbestimmung und Souveränität, Tragödie und Zeitlichkeit, transnationale Justiz und Liberalismus. Er ist Autor der Bücher Formations of Ritual (1994), Refashioning Futures (1999), Conscripts of Modernity (2004), Omens of Adversity (2014) und Stuart Hall’s Voice: Intimation of an Ethics of Receptive Generosity (erscheint in Kürze). Scott ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift Small Axe sowie Leiter des Small Axe Project.

Hito Steyerl arbeitet als Filmemacherin, bildende Künstlerin und Autorin mit Mitteln des essayistischen Dokumentarfilms. Sie ist Professorin im Bereich Multimedia an der Universität der Künste, Berlin. Wiederkehrende Themen ihrer Arbeit sind die Globalisierung sowie feministische und postkoloniale Fragen, wobei sie meist bei der Produktion und Zirkulation von Bildern ansetzt. Neben ihrer intensiven Vortragstätigkeit hat sie einflussreiche Texte publiziert und war auf zahlreichen internationalen Ausstellungen und Biennalen vertreten. Ihre Arbeiten wurden u. a. auf der 32. São Paulo Biennale (2016), der 9. Berlin Biennale (2016), im Deutschen Pavillon der 56. Biennale von Venedig (2015) und auf der documenta 12 (2007) gezeigt.

Naomi Wallace ist eine in den USA und Großbritannien lebende Dramatikerin. Ihre Stücke werden in Europa, in den USA und im Nahen Osten aufgeführt – etwa In the Heart of America, Slaughter City, One Flea Spare, The Trestle at Pope Lick Creek, Things of Dry Hours, The Fever Chart: Three Visions of the Middle East, And I and Silence sowie Night is a Room. Wallace schrieb die Drehbücher für die Filme Lawn Dogs, The War Boys und Flying Blind (mit Bruce McLeod). Mit Ismail Khalidi hat sie die Stückesammlung Inside/Outside: Six Plays from Palestine and the Diaspora (2015) herausgegeben. Ihr neuestes Stück The Liquid Plain (2015) beruht auf einer Erzählung aus Marcus Redikers Buch The Slave Ship (2007).