Migration

A Political Movement

Migration als politische und soziale Bewegung fordert die Ordnung des Nationalstaats heraus. Die Rhetorik der Krise, die den Umgang mit diesem Thema weithin bestimmt, hat neue Verwaltungs- und Regierungsformen sowie Grenzregime hervorgebracht, die es nötig machen, Formen der Repräsentation und des Politischen neu zu denken. Wie lässt sich heute über Migration sprechen? Auf welche Weise wird das Problem des Rechts (das Recht auf Rechte) im Kontrast zum (nationalen) Gesetz verhandelt? Wie ermöglicht Migration, politische Strukturen infrage zu stellen und radikal anders zu denken?

Mit Patrick Bernier und Olive Martin, Avery F. Gordon, Bernd Kasparek, Ramzi Kassem, Brigitta Kuster, Sandro Mezzadra, Kim Rygiel, Isabelle Saint-Saëns, Zoran Terzić

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Patrick Bernier und Olive Martin erforschen in ihrer künstlerischen Zusammenarbeit die Durchlässigkeit der Identität im Migrationskontext. Ihre Projekte erkunden vielschichtige Räume und territoriale Grenzen. Sie verbinden traditionelle Vorstellungen des physischen Raums mit ephemeren Zonen des Rechts. Ihre Werke wurden in verschiedenen Ländern ausgestellt, zuletzt im Grand Café Centre d’Art Contemporain Saint-Nazaire (2016), am CAPC Musée d’Art Contemporain de Bordeaux (2016), im belgischen Pavillon auf der 56. Biennale von Venedig (2015) und im Pariser Centre Pompidou (2015).

Avery F. Gordon ist Professorin für Soziologie an der University of California, Santa Barbara, und zurzeit (2015 bis 2018) Visiting Professor an der Birkbeck School of Law der University of London. Ihre neuesten Buchveröffentlichung sind: The Hawthorn Archive: Letters from the Utopian Margins (erscheint in Kürze), The Workhouse: The Breitenau Room (mit Ines Schaber, 2012) und Ghostly Matters: Haunting and the Sociological Imagination (2. Auflage 2008). Gordon befasst sich in ihrer Arbeit mit radikalen Denk- und Handlungsansätzen sowie mit Gefangenschaft und anderen Formen der Enteignung. Sie ist Mitglied im Redaktionskomitee der Zeitschrift Race & Class und eine Moderatorin der wöchentlichen Sendung No Alibis des Uni-Radios KCSB FM Santa Barbara.

Bernd Kasparek ist Mathematiker und Migrationsforscher mit Schwerpunkt auf der Untersuchung von Grenzregimen. Er ist Gründungsmitglied des Netzwerks für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung kritnet und einer der Leiter des Forschungsverbundes bordermonitoring.eu. Zurzeit schließt er eine Dissertation über die Europäisierung der Grenzregime ab. Mit Sabine Hess und anderen hat er den Sammelband Grenzregime: Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa (2010) zu den Dynamiken, Akteuren, Diskursen und Praktiken des europäischen Grenzregimes herausgegeben, außerdem den Folgeband Grenzregime 3: Der lange Sommer der Migration (2016) über die Ereignisse des Sommers 2015.

Ramzi Kassem ist Professor of Law an der City University of New York und dort Leiter der Immigrant & Non-Citizen Rights Clinic sowie des Projekts CLEAR. Gemeinsam mit den Studierenden vertritt er Häftlinge verschiedener Nationalitäten, die in amerikanischen Haftanstalten des In- und Auslands festgehalten werden, aber auch Einwohner von New York, die ins Visier des sich ausbreitenden amerikanischen Sicherheitsstaates geraten. Bevor er 2009 als Lehrer an die juristische Fakultät der CUNY berufen wurde, war er Dozent an der Yale Law School. Seine Forschungsgebiete sind die legislativen und exekutiven Reaktionen auf die Anschläge vom 11. September 2001 sowie andere tatsächliche oder als solche wahrgenommene Bedrohungen der nationalen Sicherheit, ebenso die Rechte von Minderheiten und ausländischen Staatsbürgern und das humanitäre Völkerrecht.

Brigitta Kuster ist Künstlerin, Kulturwissenschaftlerin und Autorin mit Schwerpunkt auf bild- und filmwissenschaftlichen Themen, Postkolonialismus sowie Migrations- und Grenzregimeforschung. Ihre Arbeit nimmt die Form von Forschungsprojekten, Ausstellungen und Filmessays an. Kuster bildet gemeinsam mit Regina Sarreiter und Dierk Schmidt das Künstlerkollektiv Artefakte. Mit Moïse Merlin Mabouna arbeitet sie am filmischen Langzeit-Forschungsprojekt choix d’un passé , in dem es um das Nachwirken des Kolonialismus in Kamerun geht. Dieses Projekt ist auch Gegenstand ihrer neuesten Buchveröffentlichtung Choix d'un passé - transnationale Vergegenwärtigungen kolonialer Hinterlassenschaften (2016).

Sandro Mezzadra ist Politikphilosoph und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Verhältnis von Globalisierung, Migration und Staatsbürgerschaft, außerdem mit postkolonialer Theorie und Kritik. Er lehrt politische Theorie an der Università di Bologna und ist Adjunct Fellow am Institue for Culture and Society der University of Western Sydney. Er hat unter anderem die Bücher In the Marxian Workshops. The Subject and its Production (2014), The Postcolonial Condition: History and Politics in the Global Present (2008) und The Right to Escape: Migration, Citizenship, Globalization (2006) verfasst. Gemeinsam mit Brett Neilson ist er Autor von Border as Method, or the Multiplication of Labor (2013).

Isabelle Saint-Saëns, ehemalige Informatikerin, ist Aktivistin auf den Gebieten Migration, Feminismus und Kollektivität. Sie gehört dem transnationalen Netzwerk migreurop.org an, das sich mit Europas Migrationspolitik befasst und für Reisefreiheit eintritt. Außerdem arbeitet sie für Gisti, eine französischen NRO, die Migranten informiert und unterstützt, sowie für das Redaktionskomitee der Zeitschrift Vacarme, die im Grenzbereich von künstlerischer Praxis, Forschung und politischem Aktivismus angesiedelt ist. Saint-Saëns hat im europäischen Netzwerk Frassanito mitgewirkt und war Koordinatorin der Website Pajo.eu.org, heute ein Archiv der Bewegung der Sans Papiers (1997-2007).

Zoran Terzić ist Autor, Wissenschaftler und Jazzpianist. Er studierte bildende Kunst in New York und erwarb ein Doktorat an der Bergischen Universität Wuppertal. 2007-2008 arbeitete er als Forscher am IFK Wien und am Zentrum für Literaturwissenschaft in Berlin. 2013 war er Gastdozent an der Universität Leipzig. Seine Monografie Kunst des Nationalismus (2007) befasst sich mit der Semiotik des Krieges. Terzić war Mitinitiator des Literaturprojekts Daughters and Sons of Gastarbeiters und des Forschungskollektivs Postfaschistische Idylle. Er betreibt außerdem Improsociety, eine Netzplattform für seine musikalischen und kooperativen Werke.